Montag, 11. Oktober 2010

Eine syrische Braut II

Hochzeit in Aleppo

Der Aufenthalt in der Kirche währt überraschend kurz. Erstmal begrüßen sich all die feinen Damen und Herren vor der Kirche, ich tippe mal auf hundertfünfzig Leute, die Polizei sagt fünfzig, die Demonstranten dreihundert. In der Kirche geht dann alles rucki-zucki, Braut und Bräutigam nach vorne, kurze Ansprache auf Armenisch, vermutlich sagen jetzt beide "ja", ich sitze zwar weit vorne, sehe und höre aber trotzdem nicht viel. Dann gibt es noch eine Menge weiteren Text, das Paar kniet Stirn an Stirn und bekommt ein Kreuz über die Köpfe gehalten, der Pfarrer (Pastor, Priester?) läuft ein paar mal um den Altar, was bestimmt irgendeine religiöse Bedeutung hat, ich weiß nur nicht, welche. Ich stehe auf, wenn die anderen aufstehen, setze mich, wenn die anderen sich setzen und schon ist es wieder vorbei, das hat keine zwanzig Minuten gedauert.

Länger als die eigentliche Zeremonie dauert dafür das Fotoshooting, das unmittelbar nach dem Ende der Prozedur noch in der Kirche einsetzt. Ich weiß nicht, ich war ja noch nicht auf vielen Hochzeiten, eigentlich nur auf meiner eigenen, aber irgendwie glaube ich, so sollte das nicht sein, zumindest nicht aus der religiösen Sicht betrachtet. Schnell die religiösen Formeln auf sich einprasseln lassen und dann dreimal soviel Zeit für's Bilder machen und zwanzigmal soviel Zeit zum Essen, Trinken, Tanzen. Aber die Option Standesamt, ohne Kirche, die gibt es ja nicht, also muss die Kirche auch die etwas weniger Gottesfürchtigen mitziehen. Jetzt findet jedenfalls das Fotoshooting statt, das anschließend draußen weitergeführt wird, wo jeder der einhundertfünfzig Gäste der Braut, dem Bräutigam, den Trauzeugen, den Eltern und weiß Gott noch wem die Hand schüttelt, Küsschen gibt, einige wenige überreichen auch Geschenke. Wir hängen erstmal in einer anderen Ecke rum, rauchen, sitzen auf Mauervorsprüngen weil unserer beider Füße in diesen Schuhen entsetzlich wehtun. Zwischenzeitlich beobachte ich die Gäste und wundere mich ob der zum Teil extrem kurzen Röcke und engen Kleider, das würde ich selbst in Deutschland nicht zu einer Hochzeit anziehen. Den Vogel schießt ein dürres, langes Mädel in einem hautengen, schwarzen Minikleid ab, das neben fünfundneunzig Prozent der Oberschenkel auch noch, asymmetrisch geschnitten, eine Schulter komplett freilässt. Gerade auf dieser Seite prangt aber auf ihrem Oberarm eine große Jesus-Tätowierung. Seltsam, seltsam. Sie steht aber auch ein bisschen auf verlorenem Posten da, offenbar finde nicht nur ich ihre Aufmachung irgendwie unpassend. Ich bin ja dafür, dass jeder rumlaufen kann, wie er lustig ist, die mittelöstliche Kleiderordnung find ich ja selber sch****, und insgeheim bewundere ich sie sogar ein bisschen für eine so konsequente Missachtung jeder Etikette, aber sowas würde ich doch eher im Alltag als an einem solchen Festtag durchziehen. Wir reihen uns dann erst ganz am Schluss in die Gruppe der nachzügelnden Gratulierer ein. Den für die Braut mitgebrachten Ring geben wir der Bräutigam-Mutter, ihr diesen später zu geben, wir wussten nicht um die Beleibtheit der Braut und es wäre doch peinlich, wenn sie vor noch immer laufender Kamera den Ring nicht auf den Wurstfinger bekommt... Außerdem, das kommt später zum Tragen, könnte sie, also des Bräutigams Mutter, den Ring vielleicht einbehalten und verkaufen, um die Feierlichkeiten zu finanzieren, denn die beleidigte Familie der Braut hat auf Schmollen gestellt und bezahlt die Hochzeit nicht, oder zumindest nicht viel davon. Die Mutter des Bräutigams erkennt man in dem Gewimmel von Leuten problemlos am sauertöpfischen Siebentageregenwetter-Gesicht. Dennoch ist es ein pompöses Fest, und das wird die Familie des Bräutigams noch teuer zu stehen kommen, in die bereitstehende Spendenbox wird jedenfalls nicht viel geworfen.

Nach dem kirchlichen Teil fahren wir in ein Restaurant, um die Vermählung mit gutem Essen, diversen Getränken und viel lauter Musik zu feiern. Das Restaurant ist umwerfend groß, ungezählte lange Tische sind um ein großes Schwimmbecken (!) in der Mitte gestellt. Unsere Tische befinden sich auf der Seite mit der Bühne und den Lautsprechern, was jegliche Unterhaltung für den Rest des Abends verkompliziert. Man muss schon sagen: frecherweise, tauchen Leute auf um sich diesen Teil der Hochzeit zu genehmigen, die vorher wohl noch "unpässlich" waren, nur zum Futtern halt. Naja, das ist bei einer so großen Hochzeit wohl unvermeidlich. Der Animateur des heutigen Abends verkündet die Feierlichkeiten: nicht nur "unsere" Hochzeit gibt es zu beklatschen, sondern auch noch eine weitere Hochzeit, eine Taufe und einen Kindergeburtstag. Jeder dieser freudigen Anlässe wird mit lauter Musik eingeleitet, die betreffenden Personen kommen mit viel Tamtam vor die Bühne, wo ihnen ein fulminantes Feuerwerk blüht. Die Paare finden das toll, das kleine Taufkind, das in einer Art Sänfte herangetragen wird, umgeben von in klassische arabische Kostüme gekleideten Angehörigen (oder Darstellern?), die Plastikschwerter schwingen, findet das Brimborium nicht so toll, es heult sich die Seele aus dem Leib, was die Eltern aber nicht davon abhalten wird, es den ganzen Abend dazubehalten und es bei der unglaublich laut dröhnenden Musik tanzend auf den Schultern herumzuwerfen. Armes Ding.

Uns wird inzwischen der erste Gang aufgetragen, vier verschiedene Dips, einer köstlicher als der andere, Hummus, Baba Ghanoush, so eine Art Gemüse-Salsa und ein zum Versenken leckerer, aber bestimmt nicht Mundwohlgeruch fördernder Knoblauch-Dip, dazu zwei Salate und Brot. Erstmal ein bisschen Brot mit Dip in den Magen, um eine Grundlage für den Arak zu schaffen. Das Geburtstagskind, zehn Jahre alt, aus der Familie des Bräutigams, ist, wie ich später höre, beleidigt, weil es nicht so sehr im Mittelpunkt steht, wie es das zur Feierlichkeit seiner Zweistelligkeit gerne hätte, obwohl es doch vom Entertainer eigens erwähnt und beklatscht wird und nie im Leben selbst ein so rauschendes Fest bekommen hätte. Die Hochzeitspaare tanzen zu lauter, ausgelassener, arabischer Musik, werden von den Mittanzenden auf die Schultern gehievt (für unsere Braut braucht es aber zwei Männer dafür..). Mich fordert glücklicherweise niemand zum Tanzen auf und mein Mann kann stets auf seinen nicht einwandfrei verheilten Beinbruch verweisen. So ergehen wir uns stattdessen im Schlemmen, den Dips folgen kleine Käse- und Fleischsnacks, Pommes, Kebbe Naye, und schließlich Grillfleisch, aber bis dahin bin ich schon so satt, dass ich nicht mehr viel von dem Gegrillten herunterbekomme. Im Großen und Ganzen ist das der Verlauf des Abends, die andern tanzen, wir essen und trinken und gucken den Tänzern zu. An den lauten Musikpegel gewöhnt man sich irgendwann, nur die Rückkopplung dann und wann klingelt in den Ohren; wenn der Entertainer zu nahe kommt benehmen wir uns so unauffällig wie möglich, um nicht auf die Tanzfläche gezogen zu werden. Irgendwann, so nachts um zwei wird es mir langsam zu viel, ich bin müde, die Musik macht Kopfschmerzen, aber ich werde zu noch einer Stunde bleiben überredet, weil es dann sowieso vorbei sein wird. Glücklicherweise stimmt das auch und war keine Hinhaltetaktik, um mich stundenweise auf die nächste "letzte Stunde" zu vertrösten. So geht es dann mit dem Taxi Richtung Hotel und ich falle todmüde ins Bett, die Verabredung für den morgigen Tag zum SIghtseeing bereuend, die mich zum relativ frühen Aufstehen zwingen wird...

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