Sonntag, 22. August 2010

Stinktier

Meine Freundin und ich sind zum Essen im Restaurant eingeladen, mit einer syrischen Bekannten ihrerseits. Ich freue mich auf den Abend, bietet er doch Gelegenheit, mal eine "echte Syrerin" kennenzulernen, vielleicht ergibt sich ja ein interessanter Austausch unter Frauen. Weit gefehlt.

Das Drama nimmt seinen Lauf, als meine Freundin viel zu spät zum verabredeten Treffpunkt erscheint. Sie ist irgendwie im undurchsichtigen Netz aus Services hängengeblieben und hat nur mit Müh und Not schließlich hergefunden. Ich konnte nicht alleine vorgehen, um der jungen Syrerin die Wartezeit zu verkürzen, da ich nicht weiß, wo das Restaurant ist. Als wir schließlich - endlich! - dort angekommen, sitzt die Dame nicht mehr alleine dort, sondern mit zwei Studienfreunden, die sie kurzerhand eingeladen hat, damit sie sich nicht so langweilen muss. Nun gut, soll recht sein. Aber da wusste ich ja noch nicht, was für ein unangenehmes Exemplar der Spezies Mensch sich unter der Maske von einem von ihnen verbirgt. Während das Mädchen und einer der beiden Jungs höfliche Konversation pflegen und einen recht schüchternen Eindruck machen, legt sich unser besonderes Exemplar von Anfang an ins Zeug.

Erstmal wird alles abgefragt, was interessant sein könnte: Familienstand, aktuelle Beschäftigung, Freizeitsbeschäftigung usw. Kennenlern-Smalltalk sieht anders aus, es hat mehr den Geschmack eines Kreuzverhörs. Meine Freundin versucht in diesem Verhör, ihre Klippen zu umschiffen (eine nicht durch die Ehe sanktionierte Verbindung mit einem muslimischen Mann), während ich mich durch meine laviere (eine zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht eheliche Beziehung mit einem wesentlich älteren Mann, aber zumindest stimmt bei uns die Religion). Das Umschiffen dieser Klippen bedeutet, dass wir beide uns als Single geben, um weiteres Nachbohren in dieser Richtung zu vermeiden. Er würde es ja doch nicht verstehen, wir vermuten, und das korrekterweise, wie sich zeigen wird, eine erzkonservative Einstellung bei ihm. Unser angebliches Single-Dasein hat aber wiederum den Nachteil, dass er glaubt, bei uns landen zu können und so versucht er, all seinen Charme, von dessen überbordender Fülle er ganz offenbar völlig überzeugt ist, zu verspritzen. Leider erinnert das Odeur eher an ein Stinktier. Meine Freundin merkt später an, dass allein schon die Situation - mit zwei Ausländerinnen im Restaurant - genug Angeberstoff für die nächsten Wochen sein dürfte, auch wenn wir ihn eiskalt abblitzen lassen (was er seinen Freunden sicher nicht auf die Nase binden wird, und was er in seiner grenzenlosen Selbstbeweihräucherung vermutlich auch gar nicht bemerkt).

Seine schon vermuteten recht konservativen Einstellungen lässt er dann auch in ihrer ganzen Bandbreite zur Geltung kommen. Dass ich mal Religionswissenschaft studiert habe, ist dafür ein guter Aufhänger. Zunächst mal will er wissen, was das denn eigentlich ist. Sich objektiv mit Religion zu befassen, das ist für ihn wohl nicht vorstellbar und all meine Versuche, ihm den Unterschied zwischen Religionswissenschaft und Theologie näherzubringen, verlaufen im Sande. Es folgt unausweichlich die Gretchen-Frage. "Wie hältst du's mit der Religion?". Ich ignoriere diese so höflich wie ich kann, denn einen gut gepflegten Atheismus möchte ich ihm jetzt wirklich nicht auch noch erklären. Er kapiert aber nicht, dass wenn jemand dreimal auf die gleich Frage nicht antwortet, die Frage vielleicht unangebracht ist und ihn vielleicht auch keinen Furz weit was angeht. Ist ja nicht so, dass er ein alter Freund wäre. Wir kennen uns seit zwanzig Minuten. Dennoch war ich ihm offenbar Rechenschaft schuldig, denn mein stures Ignorieren seiner Frage und stattdessen extremer Konzentration auf die Nahrungsaufnahme führt ihn zur Schlussfolgerung, dass ich bei seinem "Test" (Oder bei meinem Studium? Ich bin nicht sicher, worauf er genau zielt.) durchgefallen sei. Soll mir recht sein.

Ist es überstanden? Nein! Jetzt kommt die nächste Ladung. Immerhin kann ich mich schließlich vorwiegend meinem Essen widmen, denn er hat meine Freundin ins Visier genommen und fragt sie, wie ein Kind ohne seine Eltern wissen soll, wie es sich zu verhalten hat. Hä? Ja, so geht es uns auch. Was will der Junge? Noch dazu ist ja im Übrigen die ganze Konversation in mittelprächtigem Englisch, was nicht immer zur Verbesserung der Verständigung beiträgt. Schließlich hat meine Freundin die Essenz seiner seltsamen Frage in etwa herauskristallisiert: wenn der Mensch keine Kontrollinstanz hat, wie etwa die Eltern, Gott, den Staat, wie soll er sich dann - moralisch - korrekt verhalten können? Das zielt ganz offenbar auf seine Sicht der Europäer, denen die meisten Kontrollinstanzen ja abhanden gekommen seien. Also kann man ja wohl anzunehmen, dass wir völlig triebgesteuert nur noch vögeln und fressen. So drückt er es natürlich nicht aus, er hat ja immer noch das Bild des kleinen Jungen ohne Eltern, aber es ist stark anzunehmen, dass er in etwa darauf hinauswollte. Ebenfalls wie ich zuvor versucht meine Freundin, die Konversation irgendwie versanden zu lassen. Es ist offensichtlich, dass der Kerl seine Fragen nicht stellt, um sein Weltbild zu erweitern, sondern lediglich, um uns seines überzustülpen und uns von seiner Superiorität in religiösen und moralischen Belangen zu überzeugen. Fragen der Verantwortung gegenüber sich selbst, seinen eigenen moralischen Werten, wieviel moralisches Verhalten wert ist, wenn es nicht auf eigenen Überzeugungen beruht sondern nur auf der Angst vor wie auch immer gearteter Strafe, die könnte man mit jemandem, der ernsthaft eine Diskussion sucht, natürlich untersuchen, aber hier kann man sich diese Mühe ehrlich sparen.

Was sind wir froh, als wir endlich gehen können. So eine selbstherrliche Nervensäge kann einem aber auch den ganzen Abend versauen. Selbst seine Freunde sind peinlich berührt und das Mädchen entschuldigt sich später noch dafür, ihn mitgebracht zu haben. Wenn sich schon die eigenen Freunde für einen schämen, dann sollte man sich doch echt mal Gedanken machen...

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