Literarisches

Montag, 3. Januar 2011

Yasmina Khadra - Die Schuld des Tages an die Nacht

Yasmina Khadra ist eigentlich ein Mann mit Namen Mohammed Moulessehoul und er hat ein Buch geschrieben mit dem klangvollen Titel

Die Schuld des Tages an die Nacht

In diesem Buch geht es um einen algerischen Jungen, der, einem ärmlichen und geradezu vom Unglück verfolgten Elternhaus entstammend, bei einem reichen Onkel unterkommt und von da an europäisch geprägt aufwächst. Wir verfolgen sein Erwachsenwerden, sein hin-und hergerissenes Verhältnis zu seinem Vater, seiner Familie und seinem Land, wir erfahren von den Erlebnissen, die ihn "zum Mann machen" und betrachten kopfschüttelnd die daraus erwachsenden moralischen Fallstricke, die ihn sein Leben lang verfolgen werden. Freundschaften entstehen und zerbrechen, der Krieg fordert schwerwiegende Entscheidungen. Irgendwie manövriert sich Younes/Jonas durch dieses Leben hindurch, auch ohne viele Entscheidungen zu treffen, seine Entscheidungsunfähigkeit hat mich manchmal ganz kirre gemacht, ich wollte ihm zurufen: "Für was auch immer, Junge, aber entscheide dich, und lebe mit den Konsequenzen!"

Die Sprache des Romans ist großartig zu lesen, ich wäre von alleine nie darauf gekommen, dass ein Mann dieses poetische Buch geschrieben hat... Die Geschichte hat manchmal Längen und der Hauptcharakter ist wie gesagt manchmal etwas nervenaufreibend, doch alles in allem ist es ein sehr schöner Roman über die verschlungenen Pfade des Lebens vor dem Hintergrund der algerischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

4 Sterne

Sonntag, 5. Dezember 2010

Ghada Samman - Mit dem Taxi nach Beirut

Klein, und irgendwas zwischen mittelprächtig und fein: Ghada Sammans

Mit dem Taxi nach Beirut

In diesem Büchlein schreibt Frau Samman über den Zug gen Libanon, eine Erscheinung Anfang der siebziger Jahre, als jeder nach Beirut wollte, um entweder dort reich und berühmt zu werden, oder sich von dort in andere heilsversprechende Teile der Erde - vorrangig Amerika natürlich - abzusetzen, um dort das gleiche Ziel zu verfolgen. Ein Grüppchen dieser Glückssucher, das mit einem Taxi nach Beirut reist, verfolgt der Leser bei ihren Bemühungen auf dem Weg zum erfolgreichen Leben. Leider geht für alle so ziemlich alles in die Hose, und so ist auch die Stimmung des Buches außerordentlich bedrückend - wie gut, dass es nur ein kurzes Buch ist. Eine verstrickt sich in eine Affäre und kommt nicht von ihrem Liebhaber weg, einer sucht sein Glück im Showbusiness, das hier noch viel verkommener ist, als man schon von Anfang an befürchtet. Charaktertiefe kommt bei so wenig Seiten - 140 - und doch gleich fünf Personen, denen wir auf ihren Wegen folgen, nicht vor, aber es geht auch weniger um individuelle Charaktere sondern vielmehr um beliebige Schicksale, die sich so immer wieder abspielen könnten. Eigentlich gefiel mir das Buch zunächst ganz gut, doch der Absturz des Jungen im Showbusiness verliert leider völlig an Struktur, Erzählform, ganzen Sätzen, das mutet schon sehr kafkaesk an. Man mag einwenden, dass dies den Geisteszustand des Protagonisten recht gut widerspiegelt, aber angenehmer zu lesen wird das letzte Viertel oder Fünftel dadurch auch nicht.

Dennoch würde mich der Folgeband - Alptraum in Beirut - mit dem einbrechenden Bürgerkrieg als Hintergrund interessieren, aber den bekommt man hier leider nicht. Alles in allem: 3 Sterne

Drei Sterne

Außerdem neulich gelesen: E.T.A. Hoffmann - Lebensansichten des Katers Murr. Netter Gegensatz zum Goethe'schen Entwicklungsroman, 4 Sterne.
Hermann Bausinger - Typisch Deutsch. Schnell durch, da nichtssagend. 2 Sterne.

Samstag, 27. November 2010

Rafik Schami - Die dunkle Seite der Liebe

Ein nicht wenige Seiten starkes Werk von Rafik Schami:

Die dunkle Seite der Liebe

Worum geht es in diesem Buch? Der Klappentext spricht von einem Toten, einem Kommissar, einer Blutfehde, einer verbotenen Liebe. Geht es also um einen Mordfall, ein Krimi? Ganz definitiv nein. Der Mordfall hält her als Rahmenhandlung, die auf den ersten und letzten Seiten des Buches auftaucht, doch auf den 800 Seiten dazwischen wird das Leben in Syrien in einem ganzen Jahrhundert aufgefächert: Liebe und Hass, Lust, Intrigen, Politik, Dorf und Stadt. Es gibt das "Buch der Liebe", das "Buch des Lachens", das "Buch der Hölle" und weitere mehr.

Wir verfolgen das Leben zweier arabischer Clans in einem syrischen Dort am Anfang des 20. Jahrhunderts. Nach und nach kristallisieren sich zwei Sprößlinge als Hauptcharaktere heraus: Farid Muschtak und Rana Schahin, die verbotene Liebe, in der klassischen Romeo und Julia-Konstellation mit verfeindeten Familien. Wir verfolgen weiterhin Farids Leben in Damaskus, wobei der Autor, seit Jahrzehnten im Exil und stets mit der Sehnsucht nach Damaskus im Herzen, nicht umhin kann, ein Potpourri der Altstadt, ihrer Gassen und ihrer Bewohner, zum Besten zu geben. Wir verfolgen Ranas unglückliche Ehe und Farids unglückliche Verstrickungen in die Politik. Die "Bücher der Hölle" sind schwere Kost, speziell wenn man einen persönlichen Bezug zu syrischen Gefängnissen mit sich trägt. Doch auch diese Zeiten gehen vorüber, Putsche folgen schneller aufeinander, als die Syrer hinterherkommen können. Was aus den Liebenden wird und was es mit dem Mord auf sich hat, das sei hier dezent verschwiegen.

Insgesamt finde ich das Werk großartig, soviele Geschichten, soviel Geschichte, ein Blick in "die" syrische Seele, in dem man sich verlieren kann. Allerdings finde ich es ungeschickt, das Buch vom Klappentext her als Krimi aufzumachen, und überhaupt hätte es dieser einen Geschichte gar nicht bedurft. Einfach einhundert Jahre nacheinander wegerzählen, die Geschichte ihre Wirkung entfalten lassen... das hätte mir persönlich wesentlich besser gefallen als dieser das Buch einklammernde Krimi-Handlungsfetzen. Und bei aller Begeisterung für Damaskus hätte es nicht geschadet, hier mal ein paar Seiten rauszukürzen. Wie toll und wunderbar Schami sein Damaskus findet, das muss ja nicht in jedem Buch dargelegt werden, ich glaube es ihm ja :). Trotzdem: 5 Sterne! Bei Interesse für Syrien, für arabische Geschichte, für das Drama der Liebe in den Fesseln, die die Araber ihr leider so oft anlegen - lesen! Bei Interesse an einem kurzweiligen Krimi - falsches Regal.

5 Sterne

Sonntag, 24. Oktober 2010

Nagib Machfuz - Die Kairo-Trilogie

Nagib Machfuz ist der erste arabische Literaturnobelpreisträger. Und das vollkommen zu recht. Nach dem schmalen Bändchen "Die Reise des Ibn Fattuma" habe ich mich nun seinem wohl bekanntesten Werk zugewandt, der

Kairo-Trilogie

Diese drei Bände mit den Namen "Zwischen den Palästen", "Palast der Sehnsucht" und "Zuckergässchen" (Baina-l-Qausain, Qasr as-Schauk, Sukkariya - die Namen der Straßen, in denen die Protagonisten leben; das hätte die Übersetzerin für die nicht des arabisch mächtigen Leser ruhig als Fußnote erwähnen können) erzählen vom Leben einer ägyptischen Kaufmannsfamilie in und zwischen den beiden Weltkriegen und lassen so ein großes Mosaik ägyptischen Lebens entstehen. Machfuz wurde schon verglichen mit anderen Autoren wie Balzac, Dickens, Tolstoi, Gorki, Mann; seine Kairoer Trilogie mit Familiensagen wie etwa den "Buddenbrooks"*.

Herr Achmed Abd al-Gawwad ist das unangefochtene Oberhaupt der Familie und herrscht mit eisener Strenge, die dem Leser eine Reaktion irgendwo zwischen Stirnrunzeln und Abscheu abnötigt - man erinnere sich stets daran, dass die Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts angesiedelt ist, und auch, dass das gestrenge Gebaren dieses Patriarchen von so ziemlich allen anderen Familien um ihn herum etwas verwundert betrachtet wird. Dennoch, seine zweite Ehefrau Amina (die erste hat er verstoßen, weil sie gegen seinen Willen ihren eigenen Vater besucht hat...) ist durchaus glücklich und zufrieden mit ihrem "Gebieter", auch wenn er sie nicht aus dem Haus gehen lässt, nicht einmal, um zur Moschee zu gehen. Die al-Gawwads haben fünf Kinder: Jasin (noch aus erster Ehe), Fahmi, Kamal, Chadiga und Aischa. "Zwischen den Palästen", der erste Teil der Trilogie, stellt uns diese Familie vor, erzählt von ihrem Alltag, Amina zwischen Kindern und Küche, die Kinder in ihren Zankereien und Abenteuern daheim und in der Schule, der Hausherr in all seiner Strenge daheim und seiner ausgelassenen, weinseligen Fröhlichkeit nach der Arbeit mit Freunden und Gespielinnen. Einige der älteren Kinder werden unter die Haube gebracht, ist Heirat doch für einen jeden ein Lebensziel. Wie auch in den zwei folgenden Teilen gilt: eigentlich passiert wenig Spektakuläres, aber das Unspektakuläre ist so charmant, glaubwürdig und - besonders im bestimmt nicht zu kurz kommenden Bereich der sexuellen Begierde - witzig geschildert, dass man das Buch kaum wieder aus der Hand leben mag. Auch das Politische ragt ins Private, die Unruhen rund um die Forderung nach Ägyptens Unabhängigkeit beschäftigen die politisch gestimmten Gemüter, und bringen letztlich viel Unheil über die al-Gawwads - vor Beginn des Romans ist es im Übrigen überaus hilfreich, sich ein wenig in die Geschichte Ägyptens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einzulesen, wenigstens mal in die Wikipedia zu schauen, sonst könnten die vielen Namen und Begriffe ein wenig Verwirrung auslösen. Der erste Teil zieht viel Unterhaltung aus den unschuldig-neugierigen Fragen des erst etwa zehn Jahre alten Kamal, der von den verfänglichen Beziehungen zwischen Mann und Frau oder zwischen Ägypten und England noch nichts weiß.

Während der erste Teil uneingeschränkt fünf Sterne verdient, brechen der zweite, und ein wenig auch der dritte Teil, ein. Den weitaus größten Teil der Handlung bestimmt im "Palast der Sehnsucht" der jugendlich gewordene Kamal mit seiner ersten großen Liebe. Zwar sind seine romantischen Anwandlungen zunächst eine willkommene Abwechslung gegenüber den rohen Begierden so ziemlich aller anderen Männer, besonders seines Vaters Achmed und seines Brudes Jasin, auch die blumigen Liebesverse, die aus der Wortgewalt des Arabischen schöpfen, sind anfangs noch ganz nett zu lesen. Aber irgendwann ist es dann auch genug, doch wenn dieses Gefühl einsetzt, hat man bestenfalls die Hälfte von Kamals Gefühlsduselei hinter sich gebracht. Die anderen Familienmitglieder kommen fast nur am Rande vor. Zwar wird Aisha noch etwas überaus Dramatisches widerfahren, wogegen Kamals Liebeskummer sich äußerst harmlos ausnimmt, aber erst zum Schluss des Buches, mal eben so auf einer Seite und einer halben.

Teil drei schließlich, "Zuckergässchen", ist besser als der zweite, aber nicht so gut wie der erste Teil. Die Handlung ist wieder breiter gestreut, Kamal hat seine Liebeswehen einigermaßen überwunden, und leidet jetzt allgemein an der Sinnlosigkeit der Existenz, seiner Unfähigkeit, irgendeinen Standpunkt einzunehmen, dem Clash seiner wissenschaftlichen und religiösen Überzeugungen (ein sehr interessanter Handlungsstrang!) und dem Druck seiner Familie, jetzt aber langsam mal in die Pötte zu kommen und zu heiraten. Jasin schafft es nach mehreren Fehlschlägen schließlich, eine Frau zu finden, die er nicht nach wenigen Tagen wieder in die Wüste schickt, weil ihr sein Fremdgehen nicht gefällt. Chadiga lässt es sich gut gehen in ihrer Rolle als Hausdrachen. Amina und Achmed werden alt, er altersmilde, sie vom Leben gezeichnet, aber immerhin endlich in der Lage, das Haus auch mal zu verlassen. Ansonsten gehört der dritte Teil den Enkeln, Radwan, Karima, Abd al-Munim und Achmed. Diese sind nicht mehr die allgewaltige Strenge gewohnt, wie sie einst von Herrn Achmed ausging, sie setzen sich gar solche Dinge in den Kopf, wie sich selbst eine Ehefrau auszusuchen, ohne Beachtung von Standesfragen, ob das der Familie nun passt oder nicht. Während im zweiten Teil völlig abhanden gekommen, schlägt die Politik im dritten Teil doppelt stark durch. Wir befinden uns im zweiten Weltkrieg, man ist eigentlich nicht so richtig aber doch irgendwie für Deutschland, weil man gegen England ist, Ägypten strauchelt weiterhin um seine Unabhängigkeit. Die Kluften ragen bis in die Familie al-Gawwad hinein: im gleichen Haus in der Sukkariye finden, organisiert von den Brüdern Abd al-Munim und Achmed, geheime Treffen sowohl von Muslimbrüdern, als auch von Kommunisten statt. Soweit ist der dritte Teil sehr gut, ich fand es aber etwas schwierig, mich in die neuen Protagonisten einzulesen, die in der Kürze eines einzelnen Buches etwas oberflächlich bleiben, während die gewohnten Charaktere schon tausend Seiten Zeit hatten, sich zu entwickeln, und im Herzen des Lesers Wurzeln zu schlagen. Dies gelingt sogar dem geliebt-gefürchteten Familienoberhaupt, das die Familiensaga eröffnet und auch wieder beendet, selbst um ihn ist man letztlich recht traurig.

Ich hoffe, ich habe nicht zu viel gespoilert, kurz gesagt: das Buch, bzw. die Bücher, sind absolut lesenswert und im Gesamtwerk kann man auch über kleinere Schwächen hinwegsehen. Fünf Sterne, ganz klar. Ich werde jedenfalls alles, was ich hier in der Bibliothek von Machfuz finde, verschlingen. Lesen!, wie Frau Heidenreich sagen würde, und das ist ein Befehl.

5 Sterne

Ansonsten in letzter Zeit gelesen: Lion Feuchtwanger - Die Jüdin von Toledo, eine jüdisch-christlich-königliche Liebe und ihre Folgen im spanischen Mittelalter, ein Klassiker, spannend, lehrreich, weise, überraschend flüssig zu lesen, ebenfalls ohne jeden Zweifel fünf Sterne;
*Thomas Mann - Die Buddenbrooks, vergleichshalber, natürlich auch sehr gut und fünfsternig, der Vergleich von Mann und Nachfus erfolgt hier zurecht, mein Buddenbrook'sches Lieblingszitat: "Nicht mal die Lampen sind angezündet - Dat geiht dann doch tau wied mit de Revolution!"

Freitag, 22. Oktober 2010

Heller/Mosbahi - Arabische Erzählungen der Gegenwart

Arabische Erzählungen der Gegenwart

Das ist, wie es der Titel schon vermuten lässt, ein Sammelband mit zeitgenössischen arabischen Kurzgeschichten. Nach einer Einleitung, in der ein schlaglichtartiger Rückblick auf die Entwicklung der arabischen Literatur in den letzten Jahrhunderten geworfen wird, folgen die dreiunddreißig Geschichten, alphabetisch nach den Nachnamen der Autoren sortiert:

  • Henriette Abudi - Die Einladung
  • Ibrahim Aslan - Die Befähigung
  • Khannatha Bannuna - Blumen in Gefangenschaft
  • Muhammad al-Bisati - Der Kamelhändler
  • Ahmad Buzfur - Das Auge und das Erdbeben
  • Saad ad-Dusri - Die Löwin
  • Ahmad Ibrahim al-Faqih - Der Regen und die Träume
  • Gamal al-Ghitani - Exit
  • Jussuf Idris - Ein fleischliches Haus
  • Walid Ikhlasi - Der Wurm
  • Said al-Kafrawi - Sodrat al Muntaha - Lotusbaum im Siebten Himmel
  • Ghassan Kanafani - Der Verrückte
  • Idris al-Khouri - Zwei Gesichter
  • Muhammad Khudaijir - Das schwarze Reich
  • Ibrahim al-Koni - Die Zeit der Vögel
  • Izz al-Din al-Madani - Vor dem Aufbruch
  • Nagib Mahfus - Die Kneipe zur schwarzen Katze
  • Mustapha al-Mesnawi - Das Seil, der Junge und der Schreiner
  • Muhammad al-Minzi Kandil - Ein Ermordeter an irgendeinem Ort
  • Hassouna Mosbahi - Der Geburtstag des Präsidenten
  • Mu'nis ar-Razzaz - Mein zehntes Leben
  • Yasin Rifa'iya - Die Aschemänner
  • Idris as-Saghir - In einem Café am Ufer eines Flusses
  • At-Tayyib Salih - So, meine Herrschaften!
  • Salema Salih - Der Maulbeerbaum
  • Ghada Samman - Laila und der Wolf
  • Mahdi Ida as-Saqr - Eine Frau, die auf dem Bürgersteig sitzt
  • Hana asch-Schaich - Die Nacht der Frauen
  • Khairi Schalabi - Sembou
  • Yusuf asch-Scharouni - Die Hämorrhoiden
  • Zakariya Tamir - Des Leibhaftigen letzer Tag
  • Hasb Allah Yahya - Das Schloß
  • Muhammad Zafzaf - Eine Nacht in Casablanca

Zunächst einmal zu dem Projekt an sich: es ist meines Erachtens sehr gut gelungen, die verschiedensten Autoren aus aller Herren arabischer Länder mit ihren verschiedensten Erzählweisen vorzustellen. Neben der Einführung trägt zu diesem Gelingen bei, dass es im Anhang Worterklärungen, Kurzbiographien zu allen Autoren und eine Bibliographie der auf Deutsch/Englisch/Französisch erschienenen Werke der Autoren gibt. Das hilft, das Gelesene einzusortieren und bietet Möglichkeiten, sich darüber hinaus zu informieren. Das Manko dieses Buches (oder dieser Leserin): trotz einiger Informationen und so manchem Hinweis in der Einleitung, wie manche der Geschichten zu verstehen sind, bleibt der Leser (sofern er nicht schon sehr bewandert in arabischer Literatur ist) etwas ratlos zurück, ich jedenfalls hätte mir ein "Königs Erläuterungen" gewünscht, um auch zu verstehen, was ich da eigentlich lese. Sicher, eine gute Herangehensweise ist es zunächst einmal, zu überlegen, ob der Text irgendwie als Regime- oder Gesellschaftskritik aufgefasst werden könnte. Manchmal ist das relativ offensichtlich, aber bei der Geschichte über den Mann mit dem stets kränkelnden Hinterteil ("Die Hämorrhoiden") bin ich nicht drauf gekommen, dass es um Politik geht, erst als ich die Einleitung ein zweites Mal gelesen habe. Viele Geschichten haben entweder keine andere Ebene als die der gerade stattfindenden Erzählung, oder ich sehe sie nur nicht. Bei manchen Geschichten verstehe ich nicht einmal, was da gerade überhaupt passiert. Das beste Beispiel ist hier "Das Auge und das Erdbeben", da hätte selbst Kafka ehrfürchtig den Hut gezogen. Erst ist jemand ganz Auge, dann wird der Augenbrau gesattelt und auf ihm davongeritten, gemordet wird auch, in recht brutaler Wortwahl. Ich glaube, es geht um sexuelle Gewalt, aber ich will mich da nicht festlegen.

Es gibt aber auch Geschichten, die mir sehr gut gefallen. "Ein fleischliches Haus" ist sehr lesenswert, eine lustig erzählte Geschichte, die aber große Fragen nach Moral und Verantwortung aufwirft. Meine persönliche Lieblingsgeschichte und daher Leseempfehlung (und mit circa dreißig Seiten die mit Abstand längste Geschichte) ist "Laila und der Wolf".

Im Großen und Ganzen verdient das Buch also für die Vielfalt der Geschichten und Autoren und das gebotene "Drumherum" problemlos seine fünf Sterne. Dass einzelne Geschichten weniger begeistern können, liegt bei einem derartigen Querschnitt in der Natur der Sache, dass das Verständnis teilweise oberflächlich bleibt ein Problem, dem vor allem durch eines: noch mehr lesen!, abgeholfen werden kann.

5 Sterne

Montag, 18. Oktober 2010

Khalil Gibran - Der Prophet

Dieses Zitat kennen sicher viele, ich erinnere mich noch daran, weil es in der Praxis meines Kinderarztes hing:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
*

Dieses Zitat stammt von Khalil Gibran, einem berühmten libanesischen Autor, und es stammt aus seinem berühmtesten Werk

Der Prophet

Dieses schmale Bändchen ist eine Sammlung der Lebensansichten und Weisheiten, die der Autor im Laufe seines Lebens gewonnen hat. Das Buch beginnt mit der geplanten Abreise des "Propheten" aus der Stadt, in der er viele Jahre geweilt hat. Die Bewohner bitten ihn, ihnen einige Fragen zu beantworten, damit sie auch ohne ihn eine Rechtleitung an der Hand haben. Sie fragen ihn zu so verschiedenen Themen wie Liebe, Ehe, Kinder, Arbeit, Schmerz, Geben, Häuser, Kleider, Gesetze, Freiheit... Zu jedem Thema spricht der Prophet seine weisen Worte und als sie schließlich das letzte Thema, "Tod", abgeschlossen haben, segelt der Prophet davon.

Nun fällt es schwierig, ein so hochgelobtes Buch und einen so berühmten Autor zu zerreißen, also will ich es vorsichtig formulieren: er hat das Rad nicht unbedingt neu erfunden. All die weisen Worte, blumig, wie es im Arabischen üblich ist, ausformuliert, bieten, so scheint es mir, letzten Endes nicht viel. Vieles davon lässt sich in weniger üppiger Ausformulierung in jedem Ratgeber finden ("Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel: Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen sein." - Von der Ehe), vieles ist redundant, manches ist höchst fragwürdig und bringt mich sehr zum Stirnrunzeln ("Der Rechtschaffene ist nicht unschuldig an den Taten des Bösen, und der mit sauberen Händen ist nicht rein von den Taten des Missetäters." - Von Schuld und Sühne). In der schon etwas älteren Übersetzung, die ich gelesen habe, wurde dies noch ausführlicher dargestellt, der Beraubte sei Schuld, dass er beraubt wurde, der Ermordete, dass er ermordet wurde etc. Es spricht für sich, dass dieses Stück in anderen Übersetzungen offenbar fehlt. Alles in allem kann ich in dem Buch nichts finden, was mich inspirieren, mir neue Einsichten eröffnen, meine Gedankenwelt bereichern würde.

Letzten Endes kann ich als Positives dem Buch lediglich abgewinnen, dass es, in guter Übersetzung (wobei ich hier keine Empfehlung geben kann), einige hübsche Sinnsprüche bietet, die in Schönschrift dahingepinselt recht nett an der Wand aussehen. Nur einen Stern zu vergeben fällt mir trotzdem schwer, aber wofür genau der zweite ist, das weiß ich auch nicht...

Zwei Sterne

* dieses Zitat und die folgenden zitiert nach Aandesound

Sonntag, 10. Oktober 2010

Suleman Taufiq - Mondtheater

Suleman Taufiq, 1953 geboren, seit 1971 in Deutschland lebend, ist Schriftsteller, Publizist und Übersetzer. 2001 erschien sein Gedichtband

Mondtheater

Im Gegensatz zu Adel Karasholi ist die Erfahrung von Fremde und Heimatlosigkeit nur ein Randthema, denn im Gegensatz zu Karasholi hat sich Taufiq freiwillig für das Leben in Deutschland entschieden. Die Themen variieren in diesem Band, es geht viel um Liebe, seelisch wie körperlich:

welche lippen werde mich küssen / welche wärme wird mich wärmen /wie ein kuss von dir

Viele Gedichte sind Momentaufnahmen einer Stimmung, eines Gefühls:

die lichter der stadt / und ihr lärm / machten ihn fürchten / er legte sich ins bett / und begann sich herumzuwerfen

Es gibt keinen roten Faden, die Gedichte stehen für sich, manche länger, manche nur Gedankensplitter, immer in Kleinschrift, die Sprache ist schön und schlicht, keine gestelzt gewollten Wort- oder Satzungetüme erschweren das Lesen. Ich fand das Büchlein sehr angenehm zu lesen, sicher kann man nicht mit allen Gedichten etwas anfangen, manche sind etwas schlicht und sms-spruch-fähig, manche für mich recht nichtssagend, doch es sind Perlen dabei, um die es schade wäre, wenn man das Buch von vornherein beiseite legte. Mein Lieblingsgedicht ist das allererste im Buch:

in deiner stimme die wärme der nay / nur deine stimme singt meine lieder / noch schöner sind deine augen / sie sind warm wie der sommer / eine nie versiegende quelle / die blicke deiner augen / erleuchten die nacht / deine augen sind damast / verziert mit rosen / deine augen sind ein schöner traum / der noch nicht beendet ist / ich verlangte nach dir / ich war ein kleiner verträumter / ein betrunkener / ich fand in deinen augen zu mir

Drei Sterne

Sonntag, 3. Oktober 2010

Abdalrachman Munif - Salzstädte

Die heutige Buchbesprechung widmet sich dem (einstmals) saudi-arabischen Schriftsteller Abdalrachman Munif und seinem Werk

Salzstädte

Trotz der überwiegend positiven Rezensionen, die sich zu dem Buch auf Amazon finden, kann ich persönlich nur davon abraten. Ich teile die Haltung der Zwei-Sterne-Rezensenten: ein spannendes Thema - die Veränderungen in der saudischen Gesellschaft durch die "Invasion" der Amerikaner nach den ersten Erdölfunden - doch höcht unzureichend literarisch verarbeitet. Das Buch beginnt mit der Geschichte des Wadi al-Ujun, einer kleinen Oase, die buchstäblich von den Amerikanern niedergewalzt wird, die Bewohner müssen an andere Orte umsiedeln und finden nur zum Teil Arbeit beim Aufbau der amerikanischen Öl-Infrastruktur. Die Hauptpersonen in diesem Teil sind die Mitglieder der Familie Haddal. Nun ist dieser erste Teil durchaus spannend, vielversprechend und man hat sich gerade an die Dramatis Personae gewöhnt, als der Schauplatz nach etwa 150 Seiten wechselt und mit ihm die komplette Besetzung. Das Schicksal der Familie Haddal versickert im Nichts, die restlichen 400 Seiten beschäftigen sich mit dem Küstenort Harran, den die Amerikaner ebenfalls "umgestalten". So etwas wie Hauptpersonen gibt es hier nicht mehr, die Gestalten kommen und gehen, keine Figur hat auch nur ansatzweise Tiefgang (wie auch in ihren kurzen Auftritten), eine Handlung gibt es im eigentlichen Sinne auch nicht mehr. Das Leben der Bewohner tröpfelt dahin, eine endlose Aneinanderreihung von Nichtigkeiten, Merkwürdigkeiten, Konflikten (an denen prinzipiell den Amerikanern die Schuld zugeschrieben wird). Kulturelle 'Clashs' rufen hier und da ein Schmunzeln hervor - die ehrfürchtige Ahnungslosigkeit angesichts jeglichen technischen Geräts, das Entsetzen der Saudis, als ein Ethnologe sie über ihre Religion ausfragen will und dergleichen mehr. Nach der Hälfte des Romans habe ich das Buch erstmal weggelegt und ein anderes gelesen.* Angesichts des nahenden Abgabetermins habe ich mich dann durch die zweite Hälfte geschleppt, aber eine Besserung tritt nicht ein. Keine Handlung, kein bleibendes Personal, keine Spannung, einseitige Darstellung.

Mein Fazit: ein Buch mit enormem Potenzial, das leider ungenutzt im Wüstensand versickert.

Zwei Sterne

*Franz Werfel: "Die Vierzig Tage des Musa Dagh", uneingeschränkt empfehlenswert, 5 Sterne. Thema: der erbitterte Widerstand einiger armenischer Dörfer gegen die geplante Ausrottung durch die Türken. Das Buch wird aber hier nicht weiter behandelt, da es trotz des Schauplatzes im heutigen Libanon nicht wirklich was mit der Region zu tun hat

Freitag, 1. Oktober 2010

Adel Karasholi - Wenn Damaskus nicht wäre

Zur Abwechslung gibt es dieses Mal keinen Roman sondern einen Gedichtband:

Wenn Damaskus nicht wäre

Adel Karasholi, 1936 in Damaskus geboren, 1959 als Mitglied des arabischen Schriftstellerverbandes ins Exil geschickt, lebt seither in Leipzig und schreibt Gedichte über Heimat und Heimatlosigkeit (auf deutsch, Übersetzungsprobleme fallen also weg). Das vorgestellte Werk enthält die früheren Werke Umarmung der Meridiane und Daheim in der Fremde sowie einen neuen Teil Fremder Tod. Somit umfassen die Gedichte einen Schaffenszeitraum von 27 Jahren (1964-91). Dennoch ändert sich in all der Zeit an den Themen nicht viel: es geht um Heimat, verlorene Heimat, Fremde. Ich kenne den "echten" Karasholi nicht, aber wenn ich dieses Bändchen so lese, würde ich sagen, die Trennung von seinem Heimatland Syrien ist ihm wahrlich nicht gut bekommen, auch 30 Jahre später noch immer nicht. Nun gut, ob der Tausch Syrien-DDR besonders prunkvoll ist, das sei auch mal in Frage gestellt. Dennoch, der immer wiederkehrenden Klage über die eigene Exil-Existenz wurde ich beim Lesen bald überdrüssig. Wir beginnen auf S.11:

Hin und her / Her und hin / Wo bin ich zu Haus

und enden auf S.78:

Fremde ist zu deiner Rechten / Und zu deiner Linken ist die Fremde / Denn du tanzt auf einem Seil

Im ganzen Band finden sich vielleicht zwei oder drei Gedichte, die nichts mit Heimat und Entwurzelung zu tun haben. Das Gesamtpaket kommt also, man hört es wohl, bei mir nicht allzu gut weg. Zuviel Redundanz. Manchmal auch zu schwurbelig verdrehte Lyrik, die vermutlich nur Sinn ergibt, wenn man Adels Kopf auf den Schultern trägt und weiß, was er im Augenblick des Niederschreibens gedacht hat. Wie sonst könnte man Zeilen wie diese verstehen:

Versiegende Worte / Sieg der Einöde Argwohn / Wolkenlos greller Riß / Der Menschheit

Im einzelnen betrachtet finden sich unter den Gedichten aber durchaus Perlen, elegant in der Wortwahl, aber nicht unverständlich lyrisch verdreht, die mitunter auch zum Nachdenken über das eigene Verhältnis zu "Heimat" anregen (z.B. "Heimat im Gedächtnis"), gerade, wenn man selbst im Moment ein wenig heimatlos ist. Auch ein paar Schmunzler sind dabei, so das "Porträt" eines Beamten, eine Sorte Mensch, mit der Herr Karasholi wie wohl die meisten Leute auf der Welt auch, keine primär positiven Erfahrungen verbindet:

Vor der Tür zu seinem Büro / tritt er sich gründlich ab / Schuhe und Seele / [...] / Zwischen den Schultern / Wächst ihm plötzlich / Ein Stempel

Im Großen und Ganzen ergibt das meines Erachtens drei Sterne.

Drei Sterne

Sonntag, 26. September 2010

Volker Perthes: Orientalische Promenaden

Ein weiteres Werk des bereits hier erwähnten Autors:

Der Nahe und Mittlere Osten im Umbruch

In diesem Buch beschäftigt sich der Autor vorwiegend mit den "Schlüssel" - Ländern Ägypten, Iran und Saudi-Arabien. Ebenfalls zur Sprache kommen Israel/Palästina und Kurdistan. Es wird ein aktuelles Bild der Länder gezeichnet, sozial, ökonomisch, politisch, das recht nah an die Realität heranreichen dürfte. Wie schon in seinem Buch "Geheime Gärten" glänzen der Autor und somit das Buch durch fundiertes Fachwissen kombiniert mit gutem Schreibstil, der das Lesen zu einer Freude macht. Eine Besonderheit dieses Buches ist, dass der Autor zahlreiche Menschen zu Wort kommen lässt, denen er auf seinen Reisen begegnet ist. Keinesfalls nur die hohen Tiere, sondern ebenso "Menschen wie du und ich", die ihre Sicht der Dinge darstellen: Studenten, Händler, Geistliche, Politiker.

Insgesamt liest sich das Buch sehr gut, man erfährt viel Neues über die Region und eben auch die persönlichen Sichtweisen der Einwohner ihrer Länder auf diverse Themen. Durch die Gespräche nimmt die Faktenfülle ab, so dass man das Buch an ein oder zwei Abenden weglesen kann.

4 Sterne

Geheime Gärten

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