Donnerstag, 7. Oktober 2010

Eine syrische Braut I

Nach den ersten beiden Tagen in Aleppo ist es nun soweit: Eine Hochzeit steht ins Haus! Es vermählen sich: ein Mann und eine Frau. Er ist Automechaniker, sie aus einer reichen Familie, die sich mit solch "einfachen Leuten" eher nicht abgibt, jedenfalls ganz bestimmt nicht als Ehegatten für ihr Töchterchen. Doch es kam, wie es für diese beiden kommen musste: sie bringt ihr Auto in seine Werkstatt, er verliebt sich unsterblich in sie und fängt an, sie zu umwerben. Sie ist anfangs etwas unentschlossen, erliegt aber schließlich doch seinem Charme. Die Eltern schreien Zeter und Mordio, ist er doch nicht nur wenig begütert, sondern noch dazu aus dieser seltsamen Familie... der Bruder des in Liebe Entflammten ist, sagen wir, ein komischer Kauz, was auf eine tragische Odyssee durch die Gefängnisse diverser arabischer Länder zurückgeht, nachdem er es gewagt hatte, versehentlich ohne einen Pass in die Nähe der algerischen Grenze zu geraten. Details interessieren aber in dieser gesellschaftlichen Schicht nicht, diese Hochzeit kommt jedenfalls nicht in Frage. Aber die beiden sind unaufhaltsam: es muss geheiratet werden, mit oder ohne Zustimmung, mit oder ohne Unterstützung! So soll es also sein, und sonst wären wir heute auch nicht hier.

Ich bin persönlich ja nicht so die Frau, die sich derbe aufstylen muss. Wenn's mal etwas festlicher sein muss, wird das schwarze Kleid für alle Gelegenheiten aus dem Schrank gezaubert, das in Kombination mit irgendwelchem Klimperschmuck und manchmal auch ein paar buntigen Tüchern für tausendundein Outfit gut ist. Dazu ein bisschen Wimperntusche, und fertig ist die Mia in festlich. Bei ganz besonders festlichen Anlässen, und da zählt eine Hochzeit zweifelsohne dazu, darf mir der Friseur sogar noch ein paar Locken ins Haar drehen. Das nimmt aber leider diesmal den ganzen Vormittag in Anspruch, weil die Friseurin erst mit fast zwei Stunden Verspätung im Salon eintrudelt. Die alte Frau, die irgendwie mit der Familie des Bräutigams verwandt ist, und permanent mit mir kommunizieren möchte, doch stets an der Sprachbarriere scheitert und stattdessen rätselhaft herumgestikuliert und ganz traurig guckt, wenn ich's nicht kapiere, will mich in dieser spracharmen Kommunikation dazu bewegen, Nagellack aufzutragen, wogegen ich mich aber verwehre. Zwar bin ich nun schon spät dran, doch noch steht dem Beginn der Feierlichkeiten meinerseits die klassische Frauenproblematik im Wege: ich habe keine passenden Schuhe! Dem wird im Suq Abhilfe geschaffen, zum Glück in Begleitung meines Mannes und nicht der Frauen, die mir ihre Dresscodes aufdrängen wollen, und ich eile zum Haus des Bräutigams zurück. Das Kamerateam ist schon da, und ich verschwinde geschwind im Schlafzimmer, um mich in die festliche Mia zu verwandeln, die bisher für alle Gelegenheiten als angebracht erachtet wurde. Wieder erscheint die alte Frau und will mir irgendetwas mitteilen, aber ich habe keinen blassen Schimmer, was das sein könnte. Es stellt sich dann heraus, dass das Kamerateam ins Schlafzimmer will, weil dort die "Dreharbeiten" beginnen. Na, da hätt' man ja auch mal jemand reinschicken können, der sich mir verständlich machen kann, dann hätte ich den Verkehr auch nicht aufgehalten. Aber nun blockiere ich weiterhin das Schlafzimmer, weil man mich zum Auflegen von Rouge nötigen will, und "Nötigung" ist auch schon das passende Wort für diese anhaltenden Versuche, mich in die passende Form zu bringen. Zu blass, da muss doch Rouge drauf (dann müsste ich aber jeden freien Zentimeter Haut anmalen, ich bin nämlich vom Scheitel bis zu den Zehen weiß wie ein Höhlenbewohner) und die Nägel anmalen, und besser diese Strümpfe als jene... Himmel! So seh ich halt aus, wenn's nicht recht ist, geh ich halt nicht auf die Hochzeit. Gemütlich alleine im Hotel rumliegen klingt eigentlich auch ganz verlockend.

Aber natürlich bleibe ich, wenn auch nicht ausreichend bemalt, sitze auf dem Sofa und beobachte Cola schlürfend das Geschehen. Aufgespielt wird eine wahrlich unterhaltsame Tradition, die, so wird mir auf Nachfrage erklärt, tatsächlich arabisch sei. Und zwar wird der Bräutigam verhauen! Erstmal ziehen die (männlichen) Gäste ihm die Hose runter und das Hemd aus und lassen dabei eine ganze Horde (selbstverständlich einigermaßen gemäßigter) Schläge auf ihn einprasseln. Dann wird ihm nach und nach der Hochzeitsanzug angezugen, doch weiterhin fängt er sich dabei eine gute Portion Schläge ein, wobei die Kamera stets mitten drauf hält. Der Lärmpegel ist enorm, laute Musik spielt im Hintergrund, die Männer johlen, die Frauen trillern. Der erfragte Hintergrund dieser Tradition ist, dass dem Mann, ausgehend von der Annahme, dass er in dieser Nacht noch eine Menge körperliche Freuden erleben wird, zunächst eine Portion Schmerz verpasst bekommt. Ob diese Idee sich aus Gutwillen - auf dass ihm nach dem Schmerz der Genuss doppelt süß vorkomme - oder aus Neid speist, sei dahingestellt. Nachdem der Bräutigam vollständig angezogen ist, sitzen die Verwandten und Freunde noch eine Weile herum und unterhalten sich bei Bier, Erfrischungsgetränken und Knabbereien. Die Frauen ziehen schließlich weiter ins Haus der Braut, dazu gehöre also auch ich. Ich hänge mich an eine Frau, die ein wenig Englisch spricht, um nicht irgendwo verlorenzugehen und mit dem Taxi erreichen wir das Haus. Man merkt schnell, dass hier etwas mehr Geld zur Verfügung stand: diverse mannshohe Blumengebinde, die den Hintergrund für Fotoshootings bilden, Platten mit zahlreichen kunstvoll angerichteten Häppchen, höchstwahrscheinlich von einem Cateringservice. Allein die Wohnung an sich, wenn man sich alle Deko etc. wegdenkt, ist mit derart teurem (oder zumindest teuer aussehendem) Mobiliar gefüllt, dass der Automechniker für einen dieser Stühle wahrscheinlich ein halbes Jahr arbeiten müsste. Wir machen vor der Blumendeko der Braut unsere Aufwartung und lassen Bilder schießen. Die Trauzeugin, Schwester des Bräutigams, neigt mehr als ich zum Aufstylen und stiehlt der Braut im Grunde die ganze Show. Ehrlicherweise muss man sagen, dass sie wohl verschlafen aus dem Bett fallend schon um einiges schöner wäre als die nicht mit übermäßiger Schönheit gesegnete Braut. Aber muss man sich dann noch so herausputzen? Wenn das mal nicht zu Zickenkrieg führt... heute bleibt es friedlich, aber sowas hinterlässt Spuren in einem Frauenherzen.

Der Aufenthalt im Haus der Braut währt vergleichsweise kurz, und nun geht es in der hupenden Autokolonne zur Kirche...

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Aleppo. Die Touri-Tour II
Aleppinische Taxen
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Eine syrische Braut II
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