Montag, 11. Oktober 2010

Eine syrische Braut II

Hochzeit in Aleppo

Der Aufenthalt in der Kirche währt überraschend kurz. Erstmal begrüßen sich all die feinen Damen und Herren vor der Kirche, ich tippe mal auf hundertfünfzig Leute, die Polizei sagt fünfzig, die Demonstranten dreihundert. In der Kirche geht dann alles rucki-zucki, Braut und Bräutigam nach vorne, kurze Ansprache auf Armenisch, vermutlich sagen jetzt beide "ja", ich sitze zwar weit vorne, sehe und höre aber trotzdem nicht viel. Dann gibt es noch eine Menge weiteren Text, das Paar kniet Stirn an Stirn und bekommt ein Kreuz über die Köpfe gehalten, der Pfarrer (Pastor, Priester?) läuft ein paar mal um den Altar, was bestimmt irgendeine religiöse Bedeutung hat, ich weiß nur nicht, welche. Ich stehe auf, wenn die anderen aufstehen, setze mich, wenn die anderen sich setzen und schon ist es wieder vorbei, das hat keine zwanzig Minuten gedauert.

Länger als die eigentliche Zeremonie dauert dafür das Fotoshooting, das unmittelbar nach dem Ende der Prozedur noch in der Kirche einsetzt. Ich weiß nicht, ich war ja noch nicht auf vielen Hochzeiten, eigentlich nur auf meiner eigenen, aber irgendwie glaube ich, so sollte das nicht sein, zumindest nicht aus der religiösen Sicht betrachtet. Schnell die religiösen Formeln auf sich einprasseln lassen und dann dreimal soviel Zeit für's Bilder machen und zwanzigmal soviel Zeit zum Essen, Trinken, Tanzen. Aber die Option Standesamt, ohne Kirche, die gibt es ja nicht, also muss die Kirche auch die etwas weniger Gottesfürchtigen mitziehen. Jetzt findet jedenfalls das Fotoshooting statt, das anschließend draußen weitergeführt wird, wo jeder der einhundertfünfzig Gäste der Braut, dem Bräutigam, den Trauzeugen, den Eltern und weiß Gott noch wem die Hand schüttelt, Küsschen gibt, einige wenige überreichen auch Geschenke. Wir hängen erstmal in einer anderen Ecke rum, rauchen, sitzen auf Mauervorsprüngen weil unserer beider Füße in diesen Schuhen entsetzlich wehtun. Zwischenzeitlich beobachte ich die Gäste und wundere mich ob der zum Teil extrem kurzen Röcke und engen Kleider, das würde ich selbst in Deutschland nicht zu einer Hochzeit anziehen. Den Vogel schießt ein dürres, langes Mädel in einem hautengen, schwarzen Minikleid ab, das neben fünfundneunzig Prozent der Oberschenkel auch noch, asymmetrisch geschnitten, eine Schulter komplett freilässt. Gerade auf dieser Seite prangt aber auf ihrem Oberarm eine große Jesus-Tätowierung. Seltsam, seltsam. Sie steht aber auch ein bisschen auf verlorenem Posten da, offenbar finde nicht nur ich ihre Aufmachung irgendwie unpassend. Ich bin ja dafür, dass jeder rumlaufen kann, wie er lustig ist, die mittelöstliche Kleiderordnung find ich ja selber sch****, und insgeheim bewundere ich sie sogar ein bisschen für eine so konsequente Missachtung jeder Etikette, aber sowas würde ich doch eher im Alltag als an einem solchen Festtag durchziehen. Wir reihen uns dann erst ganz am Schluss in die Gruppe der nachzügelnden Gratulierer ein. Den für die Braut mitgebrachten Ring geben wir der Bräutigam-Mutter, ihr diesen später zu geben, wir wussten nicht um die Beleibtheit der Braut und es wäre doch peinlich, wenn sie vor noch immer laufender Kamera den Ring nicht auf den Wurstfinger bekommt... Außerdem, das kommt später zum Tragen, könnte sie, also des Bräutigams Mutter, den Ring vielleicht einbehalten und verkaufen, um die Feierlichkeiten zu finanzieren, denn die beleidigte Familie der Braut hat auf Schmollen gestellt und bezahlt die Hochzeit nicht, oder zumindest nicht viel davon. Die Mutter des Bräutigams erkennt man in dem Gewimmel von Leuten problemlos am sauertöpfischen Siebentageregenwetter-Gesicht. Dennoch ist es ein pompöses Fest, und das wird die Familie des Bräutigams noch teuer zu stehen kommen, in die bereitstehende Spendenbox wird jedenfalls nicht viel geworfen.

Nach dem kirchlichen Teil fahren wir in ein Restaurant, um die Vermählung mit gutem Essen, diversen Getränken und viel lauter Musik zu feiern. Das Restaurant ist umwerfend groß, ungezählte lange Tische sind um ein großes Schwimmbecken (!) in der Mitte gestellt. Unsere Tische befinden sich auf der Seite mit der Bühne und den Lautsprechern, was jegliche Unterhaltung für den Rest des Abends verkompliziert. Man muss schon sagen: frecherweise, tauchen Leute auf um sich diesen Teil der Hochzeit zu genehmigen, die vorher wohl noch "unpässlich" waren, nur zum Futtern halt. Naja, das ist bei einer so großen Hochzeit wohl unvermeidlich. Der Animateur des heutigen Abends verkündet die Feierlichkeiten: nicht nur "unsere" Hochzeit gibt es zu beklatschen, sondern auch noch eine weitere Hochzeit, eine Taufe und einen Kindergeburtstag. Jeder dieser freudigen Anlässe wird mit lauter Musik eingeleitet, die betreffenden Personen kommen mit viel Tamtam vor die Bühne, wo ihnen ein fulminantes Feuerwerk blüht. Die Paare finden das toll, das kleine Taufkind, das in einer Art Sänfte herangetragen wird, umgeben von in klassische arabische Kostüme gekleideten Angehörigen (oder Darstellern?), die Plastikschwerter schwingen, findet das Brimborium nicht so toll, es heult sich die Seele aus dem Leib, was die Eltern aber nicht davon abhalten wird, es den ganzen Abend dazubehalten und es bei der unglaublich laut dröhnenden Musik tanzend auf den Schultern herumzuwerfen. Armes Ding.

Uns wird inzwischen der erste Gang aufgetragen, vier verschiedene Dips, einer köstlicher als der andere, Hummus, Baba Ghanoush, so eine Art Gemüse-Salsa und ein zum Versenken leckerer, aber bestimmt nicht Mundwohlgeruch fördernder Knoblauch-Dip, dazu zwei Salate und Brot. Erstmal ein bisschen Brot mit Dip in den Magen, um eine Grundlage für den Arak zu schaffen. Das Geburtstagskind, zehn Jahre alt, aus der Familie des Bräutigams, ist, wie ich später höre, beleidigt, weil es nicht so sehr im Mittelpunkt steht, wie es das zur Feierlichkeit seiner Zweistelligkeit gerne hätte, obwohl es doch vom Entertainer eigens erwähnt und beklatscht wird und nie im Leben selbst ein so rauschendes Fest bekommen hätte. Die Hochzeitspaare tanzen zu lauter, ausgelassener, arabischer Musik, werden von den Mittanzenden auf die Schultern gehievt (für unsere Braut braucht es aber zwei Männer dafür..). Mich fordert glücklicherweise niemand zum Tanzen auf und mein Mann kann stets auf seinen nicht einwandfrei verheilten Beinbruch verweisen. So ergehen wir uns stattdessen im Schlemmen, den Dips folgen kleine Käse- und Fleischsnacks, Pommes, Kebbe Naye, und schließlich Grillfleisch, aber bis dahin bin ich schon so satt, dass ich nicht mehr viel von dem Gegrillten herunterbekomme. Im Großen und Ganzen ist das der Verlauf des Abends, die andern tanzen, wir essen und trinken und gucken den Tänzern zu. An den lauten Musikpegel gewöhnt man sich irgendwann, nur die Rückkopplung dann und wann klingelt in den Ohren; wenn der Entertainer zu nahe kommt benehmen wir uns so unauffällig wie möglich, um nicht auf die Tanzfläche gezogen zu werden. Irgendwann, so nachts um zwei wird es mir langsam zu viel, ich bin müde, die Musik macht Kopfschmerzen, aber ich werde zu noch einer Stunde bleiben überredet, weil es dann sowieso vorbei sein wird. Glücklicherweise stimmt das auch und war keine Hinhaltetaktik, um mich stundenweise auf die nächste "letzte Stunde" zu vertrösten. So geht es dann mit dem Taxi Richtung Hotel und ich falle todmüde ins Bett, die Verabredung für den morgigen Tag zum SIghtseeing bereuend, die mich zum relativ frühen Aufstehen zwingen wird...

Die Aleppo-Ennealogie
Aleppo. Die Touri-Tour II
Aleppinische Taxen
Aleppo. Die Touri-Tour I
Eine syrische Braut
Ein merkwürdiger Besuch
Auf Hotelsuche
Aleppinische Wasserspiele
Eine Zugfahrt, die ist lustig

Sonntag, 10. Oktober 2010

Lagebericht

Sommer, Affenhitze, zwei oder drei angenehme Tage und -zack- ist es Herbst, ich friere und muss wieder wärmere Sachen anziehen. Jahreszeitenwechsel gehen hier in Syrien so abrupt von statten, da kann man kaum *Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitän* sagen, so schnell geht das. Da unten in der Seitenleiste steht zwar, es wären 23°C, aber das kann ich nicht so recht glauben. Nun hab ich kalte Füße, weil ich nur entweder Socken oder Hausschuhe tragen kann, die Hausschuhe haben nämlich so ein Riemchen zwischen dem großen Zeh und dem daneben. Muss ich wohl schon wieder Schuhe kaufen.

Ansonsten ist mein momentaner Gemütszustand leicht angepisst, was aber nicht am Wetter liegt, sondern am permanenten Rumhängen in vier Wänden und der (Doppel-)Moral der Welt außerhalb und leider sogar manchmal innerhalb dieser vier Wände liegt. Syrien nervt mich heute, ich will zurück, aber der Herr Sachbearbeiter kommt auch nicht so recht in die Pötte, und dieses Jahr wird das wohl nichts mehr mit dem Zurück. Ich seufze einmal laut und lasse einen Gedanken zu Modeste rüberfliegen, die grad mindestens genauso angepisst wie ich zu sein scheint.

Suleman Taufiq - Mondtheater

Suleman Taufiq, 1953 geboren, seit 1971 in Deutschland lebend, ist Schriftsteller, Publizist und Übersetzer. 2001 erschien sein Gedichtband

Mondtheater

Im Gegensatz zu Adel Karasholi ist die Erfahrung von Fremde und Heimatlosigkeit nur ein Randthema, denn im Gegensatz zu Karasholi hat sich Taufiq freiwillig für das Leben in Deutschland entschieden. Die Themen variieren in diesem Band, es geht viel um Liebe, seelisch wie körperlich:

welche lippen werde mich küssen / welche wärme wird mich wärmen /wie ein kuss von dir

Viele Gedichte sind Momentaufnahmen einer Stimmung, eines Gefühls:

die lichter der stadt / und ihr lärm / machten ihn fürchten / er legte sich ins bett / und begann sich herumzuwerfen

Es gibt keinen roten Faden, die Gedichte stehen für sich, manche länger, manche nur Gedankensplitter, immer in Kleinschrift, die Sprache ist schön und schlicht, keine gestelzt gewollten Wort- oder Satzungetüme erschweren das Lesen. Ich fand das Büchlein sehr angenehm zu lesen, sicher kann man nicht mit allen Gedichten etwas anfangen, manche sind etwas schlicht und sms-spruch-fähig, manche für mich recht nichtssagend, doch es sind Perlen dabei, um die es schade wäre, wenn man das Buch von vornherein beiseite legte. Mein Lieblingsgedicht ist das allererste im Buch:

in deiner stimme die wärme der nay / nur deine stimme singt meine lieder / noch schöner sind deine augen / sie sind warm wie der sommer / eine nie versiegende quelle / die blicke deiner augen / erleuchten die nacht / deine augen sind damast / verziert mit rosen / deine augen sind ein schöner traum / der noch nicht beendet ist / ich verlangte nach dir / ich war ein kleiner verträumter / ein betrunkener / ich fand in deinen augen zu mir

Drei Sterne

Freitag, 8. Oktober 2010

Happy Birthday!

Hoch soll sie leben ;). Die Geburtstagsfrau weiß Bescheid... sollten sich unter den Lesern noch weitere Geburtstagsmänner, -frauen, -kinder befinden, sei ihnen natürlich auch gratuliert.

Zauberhaft

Trari trara der Herbst ist da! Des Nachts mümmele ich mich schon in die Decke ein, und heute tagsüber nun: kühle Luft, bewölkter Himmel und schließlich Regen. Ein Schauer, der sich bald wieder verzieht, aber immerhin, es ist Wasser. Während der Blick aus dem einen Fenster noch einen dunklen, wolkenverhangenen Himmel preisgibt, schleicht sich durch das zweite Fenster bereits wieder die Sonne. Es wird doch nicht...? Schnell mit der Kamera auf's Dach gestiegen und tatsächlich: ein Regenbogen! Was für eine Atmosphäre, der Blick über die Damaszener Dächer mit den obligatorischen Satellitenschüsseln, frisch durchgespülte Luft, linker Hand ein düsterer Himmel, vom Regenbogen geschmückt, Vögel flattern scharenweise um den Bogen herum, von der anderen Seite her bricht die Sonne durch das Grau und nun setzt der nachmittägliche Muezzin ein und durchdringt mit seinem "Allahu Akbar" die Szenerie. Ich stehe herum, lasse das alles auf mich einwirken, um es für spätere Abrufe auf die Festplatte meines Gehirns einzubrennen, schaue dem Regenbogen beim kräftiger werden und dem zweiten Regenbogen darüber beim Entstehen zu, dann beiden beim Verblassen, und als auch der erste Regenbogen größtenteils verblasst ist und die letzten Regentropfen gefallen sind, hört der Muezzin zu singen auf, als hätte er nur für diese Offenbarung der Schönheit der Natur gesungen - oder als hätte sich die Natur für die Dauer seines Gesangs besonders herausgeputzt. Man muss nichtmal religiös sein, um dieses Schauspiel zauberhaft zu finden!

Regenbogen in Damaskus

10 uninteressante Dinge über mich

Schon wieder eine Blogparade? Och nö. Will die sich wichtig machen oder was? Ja willse! Denn diese Blogparade ist ja geradezu wie geschaffen für mich. Aufgrund von Sicherheitsbedenken läuft dieses Blog, wie ihr ja wisst, anonym. Sicher kann man immer mal was zwischen den Zeilen rauslesen und die ein oder andere *harte* Info findet sich hier und da in den Beiträgen, aber Name, Alter, Lichtbild, sowas gibbet nicht. Was wäre also besser geeignet, euch dennoch etwas über mich wissen zu lassen, als eine Blogparade mit dem schönen Titel "10 uninteressante Dinge über mich"? Und sind nicht eigentlich die uninteressanten Dinge viel interessanter als Zahlen, Daten, Fakten?

Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch: Wie alt ist er? Wieviel Brüder hat er? Wieviel wiegt er? Wieviel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie, ihn zu kennen.
Der kleine Prinz (Antoine de Saint-Exupery), zitiert wie gefunden bei Winny Ebner

Und los geht's...

  1. Ich besitze, oder habe zumindest einmal besessen und verloren: einen Fahrradführerschein, ein Leierkastendiplom und eine Urkunde über das Erreichen des zweiten Platzes in einem Grundschul-Lesewettbewerb
  2. Meine Größe in Zentimetern minus einhundert ergab in etwa mein Gewicht, bis dieser syrische Sommer kam und mich auf Wassermelonendiät setzte
  3. Ich habe einen Knochen mehr im rechten Fuß als so ziemlich alle anderen Menschen
  4. Meine Schuhgröße plus zwei (manchmal auch drei) ergibt die Antwort auf die unbekannte Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest
  5. Meine Katze hat den gleichen angeborenen Herzfehler wie ich
  6. Ich muss nicht meine Zehen zur Hilfe nehmen, um die Zahl meiner Bettgenossen anzugeben, weder konsekutiv noch simultan ;)
  7. Ich erwägte ernsthaft, das Album vom Modern Talking-Comeback zu kaufen, tat es aber nicht - als mir dieses verdrängte Faktum einige Jahre später wieder in den Sinn kam, schämte ich mich fürchterlich
  8. Ich möchte als Katze wiedergeboren werden
  9. Ich sammele keine Schmetterlinge, ich sammele eigentlich überhaupt nichts, aber ich habe schonmal gesammelt: Sticker, Briefmarken, diverse Panini-Serien, alles rund um Dinosaurier, Ü-Ei-Figuren
  10. Am allerallerwenigsten, also überhaupt gar nicht mag ich Pilze in jedweder Form, geradezu reinlegen könnte ich mich in eine gute Pizza Quattro Formaggi

Das Wort zum Freitag (08.10.)

There must be a world revolution which puts an end to all materialistic conditions hindering woman from performing her natural role in life and driving her to carry out man's duties in order to be equal in rights.
Muammar al-Gaddafi

via Brainy Quote

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Ach oh weh

Von morgens bis abends Kopfschmerzen, in der letzten Stunde immerhin auf ein etwas besser erträgliches Level gesunken. Trotzdem, geistige Arbeit ist heute zu vermeiden. Neue Texte sind nicht vor morgen zu erwarten. *Mia* grüßt!

Linktipps V

Deutscher Orientalistentag in Marburg, Kommentar

Ernst Elitz, einer dieser unangenehmen Zeitgenossen

Arabische Regime verbannen Vollschleier

Syrien, der Libanon und das Hariri-Tribunal I,II

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Eine syrische Braut I

Nach den ersten beiden Tagen in Aleppo ist es nun soweit: Eine Hochzeit steht ins Haus! Es vermählen sich: ein Mann und eine Frau. Er ist Automechaniker, sie aus einer reichen Familie, die sich mit solch "einfachen Leuten" eher nicht abgibt, jedenfalls ganz bestimmt nicht als Ehegatten für ihr Töchterchen. Doch es kam, wie es für diese beiden kommen musste: sie bringt ihr Auto in seine Werkstatt, er verliebt sich unsterblich in sie und fängt an, sie zu umwerben. Sie ist anfangs etwas unentschlossen, erliegt aber schließlich doch seinem Charme. Die Eltern schreien Zeter und Mordio, ist er doch nicht nur wenig begütert, sondern noch dazu aus dieser seltsamen Familie... der Bruder des in Liebe Entflammten ist, sagen wir, ein komischer Kauz, was auf eine tragische Odyssee durch die Gefängnisse diverser arabischer Länder zurückgeht, nachdem er es gewagt hatte, versehentlich ohne einen Pass in die Nähe der algerischen Grenze zu geraten. Details interessieren aber in dieser gesellschaftlichen Schicht nicht, diese Hochzeit kommt jedenfalls nicht in Frage. Aber die beiden sind unaufhaltsam: es muss geheiratet werden, mit oder ohne Zustimmung, mit oder ohne Unterstützung! So soll es also sein, und sonst wären wir heute auch nicht hier.

Ich bin persönlich ja nicht so die Frau, die sich derbe aufstylen muss. Wenn's mal etwas festlicher sein muss, wird das schwarze Kleid für alle Gelegenheiten aus dem Schrank gezaubert, das in Kombination mit irgendwelchem Klimperschmuck und manchmal auch ein paar buntigen Tüchern für tausendundein Outfit gut ist. Dazu ein bisschen Wimperntusche, und fertig ist die Mia in festlich. Bei ganz besonders festlichen Anlässen, und da zählt eine Hochzeit zweifelsohne dazu, darf mir der Friseur sogar noch ein paar Locken ins Haar drehen. Das nimmt aber leider diesmal den ganzen Vormittag in Anspruch, weil die Friseurin erst mit fast zwei Stunden Verspätung im Salon eintrudelt. Die alte Frau, die irgendwie mit der Familie des Bräutigams verwandt ist, und permanent mit mir kommunizieren möchte, doch stets an der Sprachbarriere scheitert und stattdessen rätselhaft herumgestikuliert und ganz traurig guckt, wenn ich's nicht kapiere, will mich in dieser spracharmen Kommunikation dazu bewegen, Nagellack aufzutragen, wogegen ich mich aber verwehre. Zwar bin ich nun schon spät dran, doch noch steht dem Beginn der Feierlichkeiten meinerseits die klassische Frauenproblematik im Wege: ich habe keine passenden Schuhe! Dem wird im Suq Abhilfe geschaffen, zum Glück in Begleitung meines Mannes und nicht der Frauen, die mir ihre Dresscodes aufdrängen wollen, und ich eile zum Haus des Bräutigams zurück. Das Kamerateam ist schon da, und ich verschwinde geschwind im Schlafzimmer, um mich in die festliche Mia zu verwandeln, die bisher für alle Gelegenheiten als angebracht erachtet wurde. Wieder erscheint die alte Frau und will mir irgendetwas mitteilen, aber ich habe keinen blassen Schimmer, was das sein könnte. Es stellt sich dann heraus, dass das Kamerateam ins Schlafzimmer will, weil dort die "Dreharbeiten" beginnen. Na, da hätt' man ja auch mal jemand reinschicken können, der sich mir verständlich machen kann, dann hätte ich den Verkehr auch nicht aufgehalten. Aber nun blockiere ich weiterhin das Schlafzimmer, weil man mich zum Auflegen von Rouge nötigen will, und "Nötigung" ist auch schon das passende Wort für diese anhaltenden Versuche, mich in die passende Form zu bringen. Zu blass, da muss doch Rouge drauf (dann müsste ich aber jeden freien Zentimeter Haut anmalen, ich bin nämlich vom Scheitel bis zu den Zehen weiß wie ein Höhlenbewohner) und die Nägel anmalen, und besser diese Strümpfe als jene... Himmel! So seh ich halt aus, wenn's nicht recht ist, geh ich halt nicht auf die Hochzeit. Gemütlich alleine im Hotel rumliegen klingt eigentlich auch ganz verlockend.

Aber natürlich bleibe ich, wenn auch nicht ausreichend bemalt, sitze auf dem Sofa und beobachte Cola schlürfend das Geschehen. Aufgespielt wird eine wahrlich unterhaltsame Tradition, die, so wird mir auf Nachfrage erklärt, tatsächlich arabisch sei. Und zwar wird der Bräutigam verhauen! Erstmal ziehen die (männlichen) Gäste ihm die Hose runter und das Hemd aus und lassen dabei eine ganze Horde (selbstverständlich einigermaßen gemäßigter) Schläge auf ihn einprasseln. Dann wird ihm nach und nach der Hochzeitsanzug angezugen, doch weiterhin fängt er sich dabei eine gute Portion Schläge ein, wobei die Kamera stets mitten drauf hält. Der Lärmpegel ist enorm, laute Musik spielt im Hintergrund, die Männer johlen, die Frauen trillern. Der erfragte Hintergrund dieser Tradition ist, dass dem Mann, ausgehend von der Annahme, dass er in dieser Nacht noch eine Menge körperliche Freuden erleben wird, zunächst eine Portion Schmerz verpasst bekommt. Ob diese Idee sich aus Gutwillen - auf dass ihm nach dem Schmerz der Genuss doppelt süß vorkomme - oder aus Neid speist, sei dahingestellt. Nachdem der Bräutigam vollständig angezogen ist, sitzen die Verwandten und Freunde noch eine Weile herum und unterhalten sich bei Bier, Erfrischungsgetränken und Knabbereien. Die Frauen ziehen schließlich weiter ins Haus der Braut, dazu gehöre also auch ich. Ich hänge mich an eine Frau, die ein wenig Englisch spricht, um nicht irgendwo verlorenzugehen und mit dem Taxi erreichen wir das Haus. Man merkt schnell, dass hier etwas mehr Geld zur Verfügung stand: diverse mannshohe Blumengebinde, die den Hintergrund für Fotoshootings bilden, Platten mit zahlreichen kunstvoll angerichteten Häppchen, höchstwahrscheinlich von einem Cateringservice. Allein die Wohnung an sich, wenn man sich alle Deko etc. wegdenkt, ist mit derart teurem (oder zumindest teuer aussehendem) Mobiliar gefüllt, dass der Automechniker für einen dieser Stühle wahrscheinlich ein halbes Jahr arbeiten müsste. Wir machen vor der Blumendeko der Braut unsere Aufwartung und lassen Bilder schießen. Die Trauzeugin, Schwester des Bräutigams, neigt mehr als ich zum Aufstylen und stiehlt der Braut im Grunde die ganze Show. Ehrlicherweise muss man sagen, dass sie wohl verschlafen aus dem Bett fallend schon um einiges schöner wäre als die nicht mit übermäßiger Schönheit gesegnete Braut. Aber muss man sich dann noch so herausputzen? Wenn das mal nicht zu Zickenkrieg führt... heute bleibt es friedlich, aber sowas hinterlässt Spuren in einem Frauenherzen.

Der Aufenthalt im Haus der Braut währt vergleichsweise kurz, und nun geht es in der hupenden Autokolonne zur Kirche...

Die Aleppo-Ennealogie
Aleppo. Die Touri-Tour II
Aleppinische Taxen
Aleppo. Die Touri-Tour I
Eine syrische Braut II
Ein merkwürdiger Besuch
Auf Hotelsuche
Aleppinische Wasserspiele
Eine Zugfahrt, die ist lustig

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Feiertag!

Heute ist ein Feiertag! Die Geschäfte haben geöffnet, aber alle Behörden haben dicht, die Beamten frei. Was gibt es denn zu feiern? Der Nationalfeiertag ist für dieses Jahr längst vorbei, religiöse Feste stehen auch noch nicht an. Aber: Heute vor 37 Jahren, also am sechsten Oktober 1973, haben Syrien und Ägypten Israel angegriffen. Zwar haben sie letzten Endes verloren, konnten anfangs aber einige militärische Erfolge für sich verbuchen. Das reichte, um sich psychologisch als Gewinner zu fühlen und den sechsten Oktober nun stets als Feiertag zu begehen. Außerdem wurde der alte Löwe am sechsten Oktober vor 80 Jahren, also 1930, geboren. Das ist zwar nicht der Anlass für den Feiertag, aber doch sicher eine willkommene Koinzidenz.

Um einen solchen Tag gebührend zu würdigen, habe ich mich in meine beste Montur geworfen und in Schlabbershirt und Shorts das Klo geputzt ;).

Montag, 4. Oktober 2010

Öffentlicher Personennahverkehr

Damaszener Bus

Sonntag, 3. Oktober 2010

Linktipps IV

Deutsch-Deutsch-Syrische Beziehungen

Die Toten Hosen in Amman

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Abdalrachman Munif - Salzstädte

Die heutige Buchbesprechung widmet sich dem (einstmals) saudi-arabischen Schriftsteller Abdalrachman Munif und seinem Werk

Salzstädte

Trotz der überwiegend positiven Rezensionen, die sich zu dem Buch auf Amazon finden, kann ich persönlich nur davon abraten. Ich teile die Haltung der Zwei-Sterne-Rezensenten: ein spannendes Thema - die Veränderungen in der saudischen Gesellschaft durch die "Invasion" der Amerikaner nach den ersten Erdölfunden - doch höcht unzureichend literarisch verarbeitet. Das Buch beginnt mit der Geschichte des Wadi al-Ujun, einer kleinen Oase, die buchstäblich von den Amerikanern niedergewalzt wird, die Bewohner müssen an andere Orte umsiedeln und finden nur zum Teil Arbeit beim Aufbau der amerikanischen Öl-Infrastruktur. Die Hauptpersonen in diesem Teil sind die Mitglieder der Familie Haddal. Nun ist dieser erste Teil durchaus spannend, vielversprechend und man hat sich gerade an die Dramatis Personae gewöhnt, als der Schauplatz nach etwa 150 Seiten wechselt und mit ihm die komplette Besetzung. Das Schicksal der Familie Haddal versickert im Nichts, die restlichen 400 Seiten beschäftigen sich mit dem Küstenort Harran, den die Amerikaner ebenfalls "umgestalten". So etwas wie Hauptpersonen gibt es hier nicht mehr, die Gestalten kommen und gehen, keine Figur hat auch nur ansatzweise Tiefgang (wie auch in ihren kurzen Auftritten), eine Handlung gibt es im eigentlichen Sinne auch nicht mehr. Das Leben der Bewohner tröpfelt dahin, eine endlose Aneinanderreihung von Nichtigkeiten, Merkwürdigkeiten, Konflikten (an denen prinzipiell den Amerikanern die Schuld zugeschrieben wird). Kulturelle 'Clashs' rufen hier und da ein Schmunzeln hervor - die ehrfürchtige Ahnungslosigkeit angesichts jeglichen technischen Geräts, das Entsetzen der Saudis, als ein Ethnologe sie über ihre Religion ausfragen will und dergleichen mehr. Nach der Hälfte des Romans habe ich das Buch erstmal weggelegt und ein anderes gelesen.* Angesichts des nahenden Abgabetermins habe ich mich dann durch die zweite Hälfte geschleppt, aber eine Besserung tritt nicht ein. Keine Handlung, kein bleibendes Personal, keine Spannung, einseitige Darstellung.

Mein Fazit: ein Buch mit enormem Potenzial, das leider ungenutzt im Wüstensand versickert.

Zwei Sterne

*Franz Werfel: "Die Vierzig Tage des Musa Dagh", uneingeschränkt empfehlenswert, 5 Sterne. Thema: der erbitterte Widerstand einiger armenischer Dörfer gegen die geplante Ausrottung durch die Türken. Das Buch wird aber hier nicht weiter behandelt, da es trotz des Schauplatzes im heutigen Libanon nicht wirklich was mit der Region zu tun hat

Wie man einen Schwarzmarkthändler ärgert

Man stelle sich hinter eine Säule oder etwas Vergleichbares in der Nähe der Schwarzmarkthändler und rufe mit leicht sorgenvollem Unterton "Shurta" (Polizei) in die illustre Runde. Dann beobachte man die perfektionierte Technik, alle ausliegenden Waren und sich selbst binnen Sekunden spurlos verschwinden zu lassen. David Copperfield würde blass vor Neid werden.

Nun bin ich natürlich nicht so gemein, durfte dieses Schauspiel aber in Aleppo bewundern (in Damaskus dürfte das nicht viel anders aussehen), als tatsächlich Polizei in der Nähe war. Auf dem Bürgersteig gegenüber einer Reihe regulärer Geschäfte hat eine ganze Riege dieser fliegenden Händler ihre Waren ausgebreitet: Schmuck, Unterwäsche, Sonnenbrillen. Plötzlich der warnende Ruf: Polizei! Der eine packt seine Decke an vier Zipfeln, schwingt die derart innerhalb einer Sekunde verstauten Waren auf den Rücken und macht sich davon. Der nächste hatte einen Tisch aufgebaut. Wie lässt man den genauso schnell verschwinden wie eine Decke? *Klapp*, fertig! Es ist ein Spezialtisch, vermutlich von Schwarzmarkthändlern für Schwarzmarkthändler konstruiert, geeignet natürlich nur für nicht so leicht zerstörbare Waren. Einfach in der Mitte zusammenklappen und die zwischen die beiden Seiten der Tischplatte gequetschten BH'S unter dem Arm davontragen.

So leert sich binnen Sekunden das Trottoir und es gibt heute nichts für die Polizei zu fangen.

Samstag, 2. Oktober 2010

Schaufensterbummel

Skelett mit Fluppe

Freitag, 1. Oktober 2010

Das Wort zum Freitag (01.10.)

We must have our say, not through violence, aggression or fear. We must speak out calmly and forcefully. We shall only be able to enter the new world era if we agree to engage in dialogue with the other side.
Tahar Ben Jelloun

via Brainy Quote

Adel Karasholi - Wenn Damaskus nicht wäre

Zur Abwechslung gibt es dieses Mal keinen Roman sondern einen Gedichtband:

Wenn Damaskus nicht wäre

Adel Karasholi, 1936 in Damaskus geboren, 1959 als Mitglied des arabischen Schriftstellerverbandes ins Exil geschickt, lebt seither in Leipzig und schreibt Gedichte über Heimat und Heimatlosigkeit (auf deutsch, Übersetzungsprobleme fallen also weg). Das vorgestellte Werk enthält die früheren Werke Umarmung der Meridiane und Daheim in der Fremde sowie einen neuen Teil Fremder Tod. Somit umfassen die Gedichte einen Schaffenszeitraum von 27 Jahren (1964-91). Dennoch ändert sich in all der Zeit an den Themen nicht viel: es geht um Heimat, verlorene Heimat, Fremde. Ich kenne den "echten" Karasholi nicht, aber wenn ich dieses Bändchen so lese, würde ich sagen, die Trennung von seinem Heimatland Syrien ist ihm wahrlich nicht gut bekommen, auch 30 Jahre später noch immer nicht. Nun gut, ob der Tausch Syrien-DDR besonders prunkvoll ist, das sei auch mal in Frage gestellt. Dennoch, der immer wiederkehrenden Klage über die eigene Exil-Existenz wurde ich beim Lesen bald überdrüssig. Wir beginnen auf S.11:

Hin und her / Her und hin / Wo bin ich zu Haus

und enden auf S.78:

Fremde ist zu deiner Rechten / Und zu deiner Linken ist die Fremde / Denn du tanzt auf einem Seil

Im ganzen Band finden sich vielleicht zwei oder drei Gedichte, die nichts mit Heimat und Entwurzelung zu tun haben. Das Gesamtpaket kommt also, man hört es wohl, bei mir nicht allzu gut weg. Zuviel Redundanz. Manchmal auch zu schwurbelig verdrehte Lyrik, die vermutlich nur Sinn ergibt, wenn man Adels Kopf auf den Schultern trägt und weiß, was er im Augenblick des Niederschreibens gedacht hat. Wie sonst könnte man Zeilen wie diese verstehen:

Versiegende Worte / Sieg der Einöde Argwohn / Wolkenlos greller Riß / Der Menschheit

Im einzelnen betrachtet finden sich unter den Gedichten aber durchaus Perlen, elegant in der Wortwahl, aber nicht unverständlich lyrisch verdreht, die mitunter auch zum Nachdenken über das eigene Verhältnis zu "Heimat" anregen (z.B. "Heimat im Gedächtnis"), gerade, wenn man selbst im Moment ein wenig heimatlos ist. Auch ein paar Schmunzler sind dabei, so das "Porträt" eines Beamten, eine Sorte Mensch, mit der Herr Karasholi wie wohl die meisten Leute auf der Welt auch, keine primär positiven Erfahrungen verbindet:

Vor der Tür zu seinem Büro / tritt er sich gründlich ab / Schuhe und Seele / [...] / Zwischen den Schultern / Wächst ihm plötzlich / Ein Stempel

Im Großen und Ganzen ergibt das meines Erachtens drei Sterne.

Drei Sterne

In der Höhle des Löwen (Eine Fabel)

Neulich mussten wir ja wegen unserer Ehepapiere in die Zentrale Bürgerservice, nachdem die netten Herren sonst immer so freundlich waren, uns den Weg abzunehmen und sogar Hausbesuche machten. Ein gut gesichertes Gebäude, alle elektronischen Gerätschaften müssen abgegeben werden, Taschenkontrolle, Abtasten (na gut, ich nicht). Was das Gebäude sonst noch so in sich hat, erfahre ich jetzt von einem Bekannten, dem die Services der netten Herren ganz besonders intensiv in Erinnerung geblieben sind. Dieses Gebäude, sagt er, hat nicht nur nach oben hin fünf Etagen, sondern mindestens genauso viele nach unten, dort befinden sich dann die Räumlichkeiten für die -räusper- Intensivbehandlungen, die dort auch ihm zuteil wurden. Au weia, und in dem Haus war ich selbst drin? Ja, seufzt der Bekannte, froh ist er, dass wir gesund und munter wieder herausgekommen sind, hätte er schon im Voraus von unserem Besuch dort gewusst, wären ihm vor Sorge wohl Hören und Sehen vergangen. Wir haben zwar keinen Dreck am Stecken, aber ein bisschen auf den Busch klopfen, ob nicht doch irgendwas Gestehenswertes herausgekrochen kommt, da stehe denen immer mal der Sinn nach. Bei Ausländern als Zeugen trauten sie sich das dann aber wohl doch weniger, Glück für uns. Vor einiger Zeit sei sein Onkel wegen irgendwelcher Papiere dort vorstellig geworden, und dann hätten sie ihn erstmal über seinen Bruder, also unseres Bekannten zweiten Onkel ausgefragt, der war nämlich früher mal in einen Autounfall verwickelt, bei dem ein Staatsdiener verletzt wurde, und den würden sie bestimmt gerne in die Finger bekommen. Nein, den habe er schon seit ewiger Zeit nicht gesehen, die Familie sei mit ihm zerstritten, niemand wisse, wo der Bruder stecke. Glücklicherweise wusste man nichts Gegenteiliges und war auch nicht in der Laune, eine besser gefällige Antwort aus ihm herauszuhauen. Wieviel doch von der Laune eines Beamten abhängen kann. Zum Glück ist die nicht immer schlecht, immerhin können die höheren Beamten nach einem Tag voller Kaffee-, Tee- und Zigarettenpausen, unterbrochen hier und da von mittelschwerer Arbeit, nach Hause gehen, während die jungen Pimpfe, die ihnen tagein, tagaus die Akten durch die Flure tragen, stets dort bleiben, die Zentrale ist ihr graues, dreckiges Tag- und Nachtquartier. Was für ein Leben, was für eine fremde Welt. Meine Vorstellungskraft erschaudert unheimlich beim Versuch, einer dieser Jungen zu sein, und wendet sich ab. Andererseits, permanent auf überlebensgroße Porträts des alten und des neuen Löwen starren zu müssen, ist wahrscheinlich auch für die mit mehr Privilegien kein übermäßiger Freudensquell.

Ein merkwürdiger Besuch

Da sind wir also, in Aleppo, mit einem Frühstück im Bauch und einem Bett unter dem Hintern. Aber da sind ja noch die noch vor der Hochzeit, zu der wir angereist sind, anstehenden Verwandtschaftsbesuche, von denen ein besonders denkwürdiger hier erzählt werden soll.

Wir betreten die Wohnung von Khalo, dem Onkel meines Mannes sowie seiner Frau und deren Schwester. Die Wohnung ist einfach eingerichtet, ärmlich eigentlich, aber das Wort hat einen blöden Beigeschmack, in Anbetracht der beschränkten finanziellen Mittel, die offenbar zur Verfügung stehen, ist sie eigentlich ganz hübsch. Meine armenischen Begrüßungsworte werden wohlwollend zur Kenntnis genommen und ich erstmal herzlich gedrückt und geknutscht. Ein bisschen Geplänkel, während die Frauen in der Küche zu Werke sind, mein Mann übersetzt, im Gegenteil zu einem anderen Zweig seiner Verwandtschaft sprechen die Aleppiner kaum Englisch, und auch wenig Hocharabisch, Amia versuchen wir gar nicht erst. Zum gefühlten einhundertsten Mal erzählt mein Mann die Geschichte unseres Kennenlernens (die werde ich hier auch nochmal irgendwann erzählen...), muss sich dann aber beeilen, zum Ende zu kommen, denn es wird aufgetischt. Meine erste Freude, darüber dass es Nudeln gibt, legt sich bald, es sind sowas wie Spätzle in einer fetten, aber wenig geschmackreichen Sahnesoße, mit Hühnchenfleisch gespickt, naja, es macht satt. Vor den Weinblättern will ich mich eigentlich drücken, die sind nicht so mein Fall, aber aus Höflichkeit sage ich „Ein bisschen“, als man mir aufladen will, da bekomme ich natürlich eine ordentliche Portion, die mein Mann mir netterweise unauffällig Stück für Stück vom Teller klaubt. Außerdem gibt es Kebbe Naye, und das ist der Lichtblick, wenn es auch ohne Brot, das hier seltsamerweise nicht gereicht wird, etwas ungewöhnlich ist. Kebbe Naye ist rohes Fleisch, in etwa mit Mett vergleichbar, mit Bulghur vermischt und gut gewürzt, sauuuuuuulecker. Dennoch bin ich schnell satt, mein Magen ist sowieso nicht besonders groß, das geht proportional mit meiner Körpergröße einher. Und diese Nudeln stopfen aber sowas von, da ist schon bald Schluss. Erfolgreich wehre ich mich gegen alle Versuche, mir noch eine Portion auf den Teller zu schaufeln, keine einfache Angelegenheit.

Nach dem Essen wird flugs weiter aufgetischt, Obst, Kuchen, Nüsse. Ich will aber gar überhaupt nichts mehr, und langsam wird es schwierig, den Widerstand aufrechtzuerhalten. Ich beharre darauf, trinke nur meinen Kaffee, aber einfach ist das nicht. Ob ich unhöflich bin? Ich will halt nicht, mein Magen sagt „Nö“, was soll ich denn machen. Ich erkläre, dass ich, wenn ich all diese Leckereien essen wollte, vorher kein Mittag essen würde, das bringt einen Schmunzler, und auch wenn sie nicht aufgeben, mich zum Essen bewegen zu wollen, lässt doch die Intensität ihrer Versuche nach. Es ist wohl auch mehr, die Sorge, dass ich vielleicht doch wollen könnte, und zu schüchtern bin, zuzulangen. Dass das Gegenteil der Fall ist und ich wenn ich schüchtern wäre, zulangen würde, um diesen wohlgemeinten Aufforderungstiraden zu entgehen, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Die Frauen verschwinden wiederum in der Küche, und nun sitze ich da mit Khalo, der doch noch ein paar Brocken Arabisch und Englisch zusammenkratzt, denn etwas Wichtiges brennt wahrscheinlich schon seit ich durch die Tür hereingekommen bin, auf seiner Seele. „You are from Germany?“ - „Yes.“ - „Heil Hitler“ kräht der schon weit über achtzigjährige Mann und reißt den rechten Arm in die Höhe. „He great man“ fügt er mit seinen restlichen Zähnen grinsend hinzu. Ich schlucke, beiße mir auf die Zunge und zaubere ein unverbindliches angedeutetes Lächeln in mein Gesicht. Mein Mann versucht rettend einzuspringen, ich müsse das verstehen, es seien eben die Juden die wirklichen Drahtzieher hinter dem armenischen Völkermord gewesen. Ich töte ihn mit einem Blick, und er versteht, dass er wieder einmal etwas meiner Weltsicht so diametral entgegengesetztes von sich gegeben hat, dass wir nicht einmal drüber diskutieren müssen, sondern nur schnell wieder dieses Thema begraben und vergessen. Er ist ja ein feiner Kerl mein Mann, zweifelsohne, aber für jede Verschwörungstheorie zu haben, und manche Bereiche beschweigen wir einfach, jeder hat schon einmal seinen Standpunkt klargemacht, keiner wird ihn ändern, und solange unsere Meinungen zu manchen Themen keinen Einfluss auf das alltägliche Leben nehmen, brauchen wir uns nicht damit herumzuärgern. „Heil Hitler“ kräht der alte Mann noch einmal und ich lächle, nehme mir eine Fustuq Halabi, um durch die Aufhebung der Essensverweigerung einen Szenenwechsel einzuleiten und wir gleiten irgendwie in ein weniger verfängliches Gespräch über.

Es naht die Zeit zum Aufbruch, ich werde gezwungen, doch wenigstens ein Stück des selbstgemachten Kuchens zu probieren, was ich dann auch tue, jetzt wäre Ablehnung tatsächlich unhöflich (eigentlich finde ich sie ja unhöflich, Maßstäbe sind verschieden). Ein ‚Nein‛ führt zu probieren-müssen, ‚Ein bisschen‛ zu einer vollen Portion, gut dass ich mich nie allzu enthusiastisch über irgendein Gericht gezeigt habe, sonst würde ich wahrscheinlich bis heute über den Boden kugeln. Da ich ja schon beim Essen bewiesen habe, dass ich mich nicht traue zu sagen was ich möchte (denn ganz bestimmt wollte ich in Wirklichkeit doch essen, so und nicht anders muss es gewesen sein!), werde ich nun auch noch fürsorglich darauf hingewiesen, dass ich doch besser auf Toilette gehen sollte, wenn wir die nächsten Stunden zwecks Sightseeing durch die Stadt laufen wollen. Muss ich aber nicht. Der Einfachheit halber könnte ich natürlich trotzdem gehen, damit Ruhe ist, aber nach dem Auftauchen des Stehaufmännchens Hitler bin ich sowieso schon etwas gereizt, und dass man mir nicht zutraut, selbst zu wissen, ob ich essen möchte oder pinkeln muss, das nervt mich in dem Moment sowas von dermaßen an, da hilft alles Fremdverstehen-Wollen nicht. Ich muss also nicht, und nachdem ich das dreimal deutlich gemacht habe und mein Mann, wie er später erzählt, auch noch aufgefordert wurde, mir die Wohnung zu zeigen, vielleicht würde ich es mir ja anders überlegen, wenn ich an der Toilette vorbeikäme, schließen wir die Tür hinter uns und ich atme auf. Kulturunterschiede, Altersunterschiede, Sprachunterschiede, Sozialisationsunterschiede, Bildungsunterschiede, ‚Klassen‛unterschiede, all das ist zwar vermutlich irgendwie weltbilderweiternd, aber auch so wahnsinnig anstrengend...

Die Aleppo-Ennealogie
Aleppo. Die Touri-Tour II
Aleppinische Taxen
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Eine syrische Braut II
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Aleppinische Wasserspiele
Eine Zugfahrt, die ist lustig

Donnerstag, 30. September 2010

Der Strolch

Da laufen wir so durch die Straßen, zusammen mit zwei Bekannten, ein Junge und ein Mädel, da meint das Mädel plötzlich leicht irritiert: "Der Typ da vorn hat mir grad im Vorübergehen an den Arsch gepackt!" Nachdem ich mich vergewissert habe, wen sie meint, gebe ich diese Auskunft an meinen Mann weiter. Der bleibt, als wir zu ihm aufschließen, neben dem Typen stehen, der selber gerade herumsteht und telefoniert und taxiert ihn erstmal mit herablassenden Blicken. Das Mädel wollte gar keinen Aufstand um die Sache machen und es scheint ihr unangenehm zu sein, aber sowas kann ich nicht einfach so unkommentiert durchgehen lassen. Ich beruhige sie, dass wir keine Absicht hegen, eine Schlägerei anzuzetteln, aber ein paar Worte muss sich der Grapscher-Fuzzi schon anhören. Erst will er sich ein bisschen aufspielen, wer er denn überhaupt sei, ihm irgendwas sagen zu wollen. Mein Mann wird halt auch immer für einen Ausländer gehalten, und Ausländer braucht man wohl nicht ernst zu nehmen, zumindest in der Weltsicht dieses jungen Wunders der Schöpfung. In Erkenntnis der Tatsache, dass er einen Syrer vor sich hat, redet er sich dann natürlich heraus, dass alles ganz aus Versehen geschehen sei, als er gerade sein Handy aus der Tasche geholt habe und er das doch sehr bedauere. Das glaubt mein Mann ihm zwar bestimmt nicht, aber dabei wird es dann bewenden gelassen und wir gehen weiter. Das begrapschte Mädel weist darauf hin, dass der Typ sich nach seiner Grapsch-Attacke noch zu ihr herumgedreht und sie süffisant angegrinst habe, was nun eher selten aus Versehen passiert. Hätte er das gewusst, sagt mein Mann, hätte er dem Kerl noch ein paar ganz andere Töne gespielt, aber nun lassen wir es gut sein und ziehen unseres Weges.

Dennoch wiederholen wir noch einmal den Ratschlag, den auch der Lonely Planet und andere Reiseführer verlautbaren lassen: wenn so ein ******* daherkommt, sollte frau vor allem eines: lautstark alle Umstehenden von der Unsittlichkeit dieses Strolches in Kenntnis setzen, denn sogern viele Syrer auch unsittliche Gedanken hegen, und sie - wenn auch selten - sogar in die Tat umsetzen wie dieser Knilch, so entsetzt können sie doch sein und ihre Tugend herauskehren, wenn sie ein derartiges Verhalten bei jemand anderem mitbekommen. Die Unterstützung aller erreichbaren menschlichen Wesen in der näheren Umgebung ist einem sicher, ebenso die der Polizei, die sich - sofern nicht grad alle Polizeibeamten Mittagsschlaf halten natürlich - keinen Sittenstrolch durch die Finger gehen lassen.

Aus Russland mit Liebe

Dieser Artikel erklärt, warum ich so oft für eine Russin gehalten werde. Offenbar sind russische Hochzeiten hier wesentlich üblicher als deutsche. Ein Relikt aus der Zeit der UdSSR. Viele Syrer gingen zum Studium nach Russland und brachten ihre dort gefundene Liebe mit zurück nach Hause. Die halb-russischen Kinder haben teils noch gute Kontakte in die Heimat und sicherlich werden auch in dieser Generation noch viele russische Ehen geschlossen. Und auch der ein oder andere Syrer ohne russischen "Background" findet in dieser Region noch heute seine Frau. Es gibt Viertel in Damaskus, die sind aufgrund ihrer hohen russischen Bevölkerungsrate auch schon als "russisches Viertel" bekannt, da wäre zum Beispiel ein Neubaugebiet relativ zentrumsnah, mit vielen grauen Hochhäusern. Nicht erwähnt wird in dem Artikel allerdings, dass viele russische Frauen, die syrische Männer heiraten, dies vorwiegend tun, um ihr Geld hier in Nachtclubs verdienen zu können. Das bringt der bei mir wegen meiner hellen Haut so oft vermuteten russischen Nationalität einen fauligen Nebengeschmack bei. Aber wenn einen der nette Mann vom Bürgerservice fragt, dann klärt man ihn zwar über die korrekte Herkunft auf, behält aber ansonsten das festgetackerte liebenswürdig-unterwürfige Lächeln im Gesicht...

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